Meinung
Dohnanyi am Freitag

Ukrainekonflikt: „Die Fantasie für Krieg fehlt“

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Matthias Iken
Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Sven Simon/Andreas Laible / imago images/HA

Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Matthias Iken. Heute über den Bellizismus im Land.

Hamburg. Matthias Iken: An der Ostgrenze der Ukraine spitzt sich die Lage zu. Droht ein Krieg aus Versehen?

Klaus von Dohnanyi: Aus „Versehen“? Die Lage ist leider eher wie bei der US-amerikanischen Mutprobe halbwüchsiger Banden, genannt „chicken“: Zwei Autos fahren mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zu, und wer zuerst ausweicht, ist eben „chicken“, amerikanisch für Angsthase. Biden fürchtet in dem für ihn ohnehin schwierigen Wahlkampf offenbar, „chicken“ zu sein, die Leidtragenden wären aber nur wir Europäer. Das kommt davon, wenn ein 6000 Kilometer entferntes Land, nämlich die USA, für sich in Anspruch nehmen darf, Europa zu führen, für uns über Krieg und Frieden zu verhandeln – und die Europäer das widerspruchslos geschehen lassen.

Iken: Deutschland stand lange für eine Entspannungspolitik – inzwischen regiert auch hier in Politik und Medien fast ein Bellizismus. Es wird der Eskalation und der Kompromisslosigkeit das Wort geredet.

Dohnanyi: Da sind mir zu viele Leute, die nie einen Krieg im eigenen Land erlebt haben und dafür offenbar auch keine Fantasie haben. Sie meinen, nur der andere – in diesem Fall natürlich Russland – sei immer der schuldige Bösewicht. Sie wissen offenbar gar nicht, dass sogar der heutige CIA-Chef von Präsident Biden, William Burns, 2019 schrieb, ein großer Teil der Verantwortung für die heutige Lage liege bei den USA, die Nato-Expansion im Osten sei eine unnötige „Provokation“ gewesen, und man müsse diesen „Autopi­loten“ amerikanischer Politik endlich überprüfen! Ich habe dieses Thema in meinem Buch „Nationale Interessen“ umfangreich ausgeführt.

Iken: Warum aber können die USA diesen Autopiloten nicht abschalten?

Dohnanyi: Gewohnheitsdenken. Dass die globalen Machtinteressen der USA und die Sicherheitsinteressen Europas aber nicht immer übereinstimmen können, ist schon geografisch selbstverständlich. Es ist höchste Zeit für eine ehrliche außenpolitische Debatte, nicht nur innerhalb des Nato-Bündnisses.

Iken: Was sollten Russland und die Nato zur Entspannung jetzt tun?

Dohnanyi: Russland sollte seine Truppen während einer Phase der Verhandlungen überprüfbar zurückziehen. Die Nato und die Europäer sollten mit Russland reden und versuchen, auch deren Interessen zu berücksichtigen, und sich nicht auf Horrormärchen einlassen, die schon den Irakkrieg auslösten. Dann müssen wir pragmatisch einen dauerhaften Frieden für Europa suchen. Aber wollen und können das die USA?

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