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Warum die Paralympics wirklich besonders sind

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Iris Mydlach
Iris Mydlach ist Sport-Redakteurin.

Iris Mydlach ist Sport-Redakteurin.

Foto: Mark Sandten / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Tausende beeindruckende Geschichten gibt es von den Athleten der Spiele zu erzählen. Wie schade, dass damit bald Schluss ist.

Hamburg. Seit mehr als einer Woche ist mir das morgendliche Weckerklingeln ein Fest. Was sich vor allem dadurch äußert, dass zwischen dem ersten Alarmton und dem Rauschen des Wasserkochers nur wenige Minuten vergehen und nicht die übliche halbe Ewigkeit. und währenddessen – es gilt, keine Zeit zu verlieren – läuft auf dem Smartphone schon der Livestream: die Übertragung der Paralympischen Spiele in Tokio.

An diesem Wochenende werde ich mich allerdings schon wieder verabschieden müssen von meinem lieb gewonnenen Ritual. Am Sonntag enden die Paralympics und damit auch mein täglicher Moment des Staunens und Innehaltens. Denn neben all den sportlichen Höhepunkten, die uns diese Spiele seit der Eröffnungsfeier beschert haben, sind es mitunter die Geschichten der Athletinnen und Athleten, die täglich aufs Neue beeindrucken und in der Tat anders beeindrucken als bei den „anderen“ Olympischen Spielen ein paar Wochen zuvor.

Paralympics: Jeder Einzelne hat eine Geschichte zu erzählen

Warum das so ist, liegt ein wenig auf der Hand. Jeder und jede Einzelne der rund 4400 Sportlerinnen und Sportler bei diesen Paralympics hat eine Geschichte zu erzählen. In der es auch, aber nicht nur um die jeweilige Behinderung geht, sondern vor allem um den Umgang, den die Athleten damit gefunden haben. Entweder, weil sie von Geburt an nichts anderes kannten. Oder weil sie einen Unfall hatten, der ihr Leben von einem auf den anderen Moment radikal verändert hat. Oder weil sie an einer Krankheit leiden, die ihre Muskeln und Knochen mit der Zeit schwinden lässt.

Die deutsche Parasprinterin Irmgard Bensusan stürzte mit 18 Jahren an einer Hürde und verletzte sich dabei so schwer am Knie, dass sie eine dauerhafte Nervenschädigung im rechten Bein davontrug. Bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro gewann die 30-Jährige drei Silbermedaillen – über 100, 200 sowie 400 Meter. „Diese Silbermedaillen bedeuten mir viel mehr als jede Medaille, die ich bei den normalen Olympischen Spielen hätte gewinnen können“, sagt Bensusan lächelnd in einem Porträt der ARD-„Sportschau“. „Weil: Das bedeutet für mich das Hinfallen, das Aufstehen, die Tränen, die harte Arbeit, die ganzen zwölf Jahre – das bedeuten mir diese Medaillen.“

Anne Patzwald kämpfte sich zweimal zurück ins Leben

Bensusans Geschichte ist nur eine von vielen. Die der Hamburger Rollstuhlbasketballerin Anne Patzwald haben wir im Sportteil erzählt, weil sie wirklich unglaublich ist – eine Frau, die sich zweimal zurück ins Leben kämpft, schafft es als Nationalspielerin ein Jahr nach drei lebensgefährlichen Diagnosen nach Tokio.

Doch so viele andere Geschichten blieben unerzählt. Die von Ibrahim Hamadtou zum Beispiel, der als Kind beide Arme verlor, weil er auf dem Heimweg in den Spalt zwischen Zug und Bordsteinkante fiel. Und der mit 13 Jahren das Tischtennisspielen für sich entdeckte, weil er herausfand, dass sich ein Schläger auch mit dem Mund halten und der Ball zum Aufschlag auch mit den Zehen werfen lässt. „Nachdem ich das Krankenhaus verließ, blieb ich ein ganzes Jahr lang immer im Haus, außer sehr spät in der Nacht“, erzählte der Ägypter einmal in einem Interview. „Ich mochte den Ausdruck von Mitleid und Mitgefühl in den Gesichtern nicht sehen.“

Paralympics: Einmalige Chance, über sich hinauszuwachsen

Es ist genau dieser Blick, der den Athletinnen und Athleten bei den Paralympics erspart bleibt – obwohl ihn die meisten natürlich kennen, aus ihrem Alltag. Für mich ein weiterer Grund dafür, dieses Turnier zu lieben. Weil es hier nur um die Stärken jedes Einzelnen geht und nicht um das, was fehlt und nicht geht – oder nicht mehr. „Das Härteste war, mich mit meiner Krankheit zu identifizieren“, sagte die an Multipler Sklerose erkrankte Dressurreiterin Regine Mispelkamp nach dem Gewinn der Bronzemedaille Anfang dieser Woche. „Aber es hat mich auch angetrieben, den Sport weiterzumachen, weil es mir hilft, meine Stabilität zu halten. Ich gebe mein ganzes Leben dafür.“ Regine Mispelkamp ist 50 Jahre alt.

Am Ende sind Olympische Spiele nämlich für alle Athleten ein und dasselbe, egal ob erkrankt, behindert oder nicht: diese einmalige Chance, in einem Moment über sich selbst hinauszuwachsen, in dem wir alle dabei zusehen können. Was für ein erhebendes Gefühl.

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