Meinung
Post aus Washington

Die Kehrtwende des Hinterwäldler-Erklärers

| Lesedauer: 4 Minuten
Dirk Hautkapp
Dirk Hautkapp ist US-Korrespondent des Abendblatts.

Dirk Hautkapp ist US-Korrespondent des Abendblatts.

Foto: Bernd Lauter

Wie J.D. Vance, der Autor des Bestsellers „Hillbilly Elegy“, vom Trump-Kritiker zum Cheerleader des Ex-Präsidenten wurde.

Washington. Kennen Sie noch James David Vance, kurz „J.D“? Wenn nicht, dann empfehle ich, den Autor des vor fünf Jahren erschienenen Bestsellers „Hillbilly Elegy“ genauer in Augenschein zu nehmen. Der 36-Jährige aus den Appalachen von Kentucky hat eine bemerkenswerte Häutung vollzogen. Für sich genommen wäre das einen neuen Roman wert. Weil es zeigt, wie weit sich im Amerika des Jahres 2021 Menschen zu verbiegen bereit sind, um dem Trump-Vibe zu entsprechen.

Rückblick: Vance gelang mit seinem unprätentiös erzählenden, von autobiografischer Glaubwürdigkeit getragenen Sachbuch über weiße Unterschichts­familien in der hinterwäldlerischen Provinz Amerikas ein auf den ersten Blick stimmiges Erklärungsmuster für den späteren Wahlsieg des Rechtspopulisten Donald Trump.

Besondere Authentizität des Buchs

Nach der Lektüre, die inzwischen Oscar-reif, aber an der Kinokasse nicht sonderlich erfolgreich verfilmt wurde (mit Glenn Close und Amy Adams in zentralen Rollen), wurde nachvollziehbarer, warum sich eine von der zügellosen Globalisierung geschundene Arbeiterschicht von den Demokraten unter Hillary Clinton abwandte und dem politischen Hütchenspieler aus New York an den Hals warf.

Dass J.D. Vance selbst im Elend des sogenannten Rostgürtels zwischen abgewanderten Industrie-Arbeitsplätzen, Opioid-Krise und Heroinsucht, Teenager-Schwangerschaften und flächendeckender Kaputtheit in Middletown/Ohio groß wurde und es trotzdem zum Jura-Abschluss an die Elite-Universität Yale schaffte, verlieh dem Buch eine besondere Authentizität. „Geringe soziale Mobilität, Armut, Scheidung und Drogen haben meine Heimat zu einem Brennpunkt des Elends gemacht.“

Trumps Politik-Angebot sei „verwerflich“

Wohlgemerkt: Vance beschrieb die Petrischale, in der der Trumpismus gedeihen konnte. Gut hieß er den Nährboden und den Angang des schillernden Unternehmers nicht. Trumps Politik-Angebot sei „verwerflich“ und reiche von „unmoralisch bis absurd“, schrieb Vance 2016 in einem Zeitungskommentar. Vor allem die demagogische Art, in der Trump Einwanderer zu Sündenböcken für die Misere in chronisch strukturschwachen Landesteilen machte, ging ihm gegen den Strich. In der Liberalen-Bibel „The Atlantic“ verglich er Trump sogar mit „kulturellem Heroin“ für marginalisierte Wähler.

„Er sorgt dafür, dass sich manche für kurze Zeit besser fühlen. Aber er kann nicht beseitigen, was sie beschwert, und eines Tages werden sie das erkennen“, formulierte Vance über Trumps Wähler, die es verständlicherweise nicht nett fanden, dass Frau Clinton sie als „deplorables“ abtat – als Bedauernswerte.

Vance leistete öffentlich Abbitte

Vance’ Prophezeiung nahm ziemlich präzise vorweg, was eingetreten ist. Gerade Bergbau-Arbeiter können ein Lied davon singen. Donald Trump versprach ihnen goldene Zeiten. Aber vor der Weltmarkt-Hacke ist es duster. Viele „coal miner“ sehen schwarz, weil längst entlassen.

Davon will Vance aber heute nicht mehr viel wissen. Vom eloquenten Trump-Gegner hat er sich zu einem der lautesten Cheerleader des Mannes entwickelt, der Anfang des Jahres der amerikanischen Demokratie bei der Erstürmung des Kapitols mit der Abrissbirne kommen wollte. „Ich bedauere, dass ich falsch gelegen habe bei Trump“, leistete Vance kürzlich öffentlich Abbitte, „ich denke, er war ein guter Präsident, der viele gute Entscheidungen für die Menschen getroffen hat.“

J.D. Vance kandidiert als Republikaner für den Senat in Ohio

Auf Twitter spricht sich Vance für striktere Wahlgesetze aus, die Minderheiten benachteiligen – wie Trump, der mit republikanischer Hilfe in den Parlamenten der Bundesstaaten die Grundlagen dafür legen will, dass 2024 ein Demokrat wie Joe Biden so gut wie keine Chance mehr hätte. Vance’ Kehrtwende bewegt seit Tagen die sozialen Medien. Viele fühlen sich getäuscht in dem „Kronzeugen der Abgehängten“. Andere fragen, ob sie es mit einem Fall von Gehirnwäsche zu tun haben. Vance’ Getreue sagen, der Sinneswandel sei älteren Datums und das Ergebnis eines Reifungsprozesses. Klingt nach Kokolores.

Bei der Ursachenforschung landet man schnell bei der Binsenweisheit, wonach­ das Sein das Bewusstsein bestimmt­. J.D. Vance kandidiert als Republikaner für den Senat in Ohio. In dieser Rolle kann man sich als Konservativer heutzutage kaum erlauben, Donald Trump als Gegner zu haben. Vance würde öffentlich vom launischen König von Mar-a-Lago mürbe gemacht und weggemobbt. So wie Trump es überall im Land tut, wo republikanische Kandidaten/-innen ihm nicht die Stiefel küssen.

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