Meinung
Die wilden Zwanziger

Wegen Corona habe ich meinen Zweitjob aufgegeben

| Lesedauer: 4 Minuten
Annabell Behrmann
Annabell Behrmann
(28) ist Redakteurin
des Abendblatts.

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf

Jeden Abend Treffen mit Freunden – vorbei. Ich arbeite nebenberuflich nicht mehr als Freizeitmanagerin. Ich brauche Zeit für mich.

Hamburg. Genau ein Jahr ist es her, dass ich all meine Termine aus dem Kalender gestrichen habe. Skiurlaub in Südtirol – addio! Geburtstagsparty von Flo – verschoben auf unbestimmte Zeit. Treffen mit Isi, Anna und Maike – abgesagt. Für 2021 habe ich mir erst gar keinen neuen Terminplaner zugelegt. Das mag manch einer, der zu Silvester noch euphorisch Videos verschickt hat, in denen das Coronavirus eine Spritze in den Hintern bekommen hat und verschwunden ist, pessimistisch finden. Doch bis jetzt hätte sich die Investition in einen Kalender leider nicht gelohnt.

Die Pandemie hat mich gezwungen, mein Freizeitverhalten radikal umzustellen. In der Vor-Corona-Zeit habe ich mich fast jeden Abend nach der Arbeit noch mit Freunden getroffen. Aus der Redaktion in Norderstedt bin ich meistens direkt in irgendein Restaurant nach Hamburg gehetzt – egal, wie ausgelaugt ich mich gefühlt habe und wie gerne ich einfach nur ins Bett gefallen wäre.

Durchgetakteter Alltag

Ich mag Zuverlässigkeit. Verabredungen habe ich nur im äußersten Notfall abgesagt. Wenn andere hingegen Termine cancelten, erwischte ich mich dabei, dass ich mich erleichtert fühlte. Natürlich habe ich mich immer gefreut, meine Freunde zu sehen. Mit ihnen gemeinsam zu lachen hat mich so manch einen hektischen Arbeitstag vergessen lassen.

Doch manchmal stresste mich mein durchgetakteter Alltag so sehr, dass es mir nicht gelungen ist, mich vollständig auf den Menschen mir gegenüber einzulassen. Während ich beim Tennistraining Bälle schlug, bin ich manchmal in Gedanken meine To-do-Liste für den nächsten Tag durchgegangen.

Blicke ich jetzt auf diese Zeit zurück, frage ich mich: Wie um Himmels willen hast du dieses Pensum durchgehalten?

Persönliche Treffen kann ich viel mehr genießen

Der Weg ins Büro ist durch das Homeoffice weggefallen. Viele Termine finden nun als Videokonferenzen statt. Das spart Zeit. An manchen Abenden fällt mir auf, dass ich tagsüber kein einziges Mal die Wohnung verlassen habe. Der Job ist aber nicht entspannter geworden. Sich täglich intensiv mit dem Thema Corona zu beschäftigen zehrt. Zeit für eine Mittagspause nehme ich mir nur selten. Allerdings, und das macht sich bei meinem Stresslevel bemerkbar, habe ich mit dem ersten Lockdown meinen Zweitjob aufgegeben: Ich arbeite nebenberuflich nicht mehr als Freizeitmanagerin.

Wenn überhaupt verabrede ich mich mit Freunden zum Spazierengehen oder virtuell. Die persönlichen Treffen, die sich wegen der Kontaktbeschränkungen auf ein Minimum reduziert haben, kann ich viel mehr genießen. Ich konzentriere mich auf die wichtigsten Menschen in meinem Leben – die Corona-Zeit hat mir ihre Bedeutung einmal mehr vor Augen geführt.

Ich brauche Zeit für mich

Vor allem habe ich aber gemerkt, wie dringend ich auch mal Zeit für mich brauche. Wie wichtig es mir ist, einfach mal auf dem Sofa zu liegen und nichts zu tun. Inzwischen stelle ich fest, wie sehr sich mein Stressempfinden verändert hat. Nach monatelangem Herumhängen strengt mich manchmal schon ein abendlicher Termin in der Woche an. Früher waren es in der Regel fünf bis sieben.

Was passiert, wenn Corona irgendwann vorbei ist und uns alle Möglichkeiten wieder offenstehen? Wenn man wieder ins Kino, Theater und Restaurant gehen kann? Verfalle ich dann in eine Art Rauschzustand und hole innerhalb von vier Wochen alle abgesagten Treffen nach? Knüpfe ich nahtlos an, wo ich aufgehört habe? Oder gibt es kein Zurück mehr?

Jeder zweite Deutsche wünscht sich eine signifikante Veränderung in seinem Leben

In einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ipsos vom vergangenen Herbst wünscht sich jeder zweite Deutsche eine signifikante Veränderung in seinem Leben. Die andere Hälfte hofft hingegen, schnellstmöglich zum Vor-Corona-Zustand zurückzukehren. Nach einem Jahr Pandemie wollen viele Menschen nichts sehnlicher als ihr altes Leben zurück. Auch ich wünsche mir wieder mehr Abenteuer in meinem Alltag, möchte etwas unternehmen.

Ich kann es kaum erwarten, mit Freunden tanzen zu gehen, mit ihnen einen schönen Nachmittag im Café zu verbringen oder abends bei einem Film eine Pizza auf dem Sofa zu verdrücken. Doch ein Jahr verordnete Zwangsentschleunigung hat mir gezeigt: Ich würde zwar gern wieder Termine in einen Kalender eintragen. Aber ich möchte mir keinen Freizeitstress mehr machen – dieses Wort ist ein Widerspruch in sich.

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