Meinung
Deutschstunde

Irgendwann blieb den Endsilben die Luft weg

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Autor schreibt an jedem Dienstag über Besonderheiten der deutschen Sprache.

Der Autor schreibt an jedem Dienstag über Besonderheiten der deutschen Sprache.

Foto: Klaus Bodig / HA

Im Laufe der Sprachgeschichte konnten die einzelnen Wörter nicht mehr allein alle Informationen der Grammatik tragen.

Hamburg. Si tacuisses, philosophus mansisses. Dieses Zitat kann man klassisch korrekt mit „Hättest du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben“ übersetzen – oder etwas freier als „Hättest du die Klappe gehalten, hätte niemand gemerkt, wie blöd du eigentlich bist“. Doch hier geht es nicht um die Sinnsprüche des Boethius, sondern um die Grammatik des Satzes.

Es fällt auf, dass bei der Konjugation, bei der Beugung der Verben, im Lateinischen keinerlei Personalpronomen („du“) oder Hilfsverb („haben“) gebraucht wird. Alle Angaben zur Person, zur Zeit, zur Art und Weise sowie­ zur Tätigkeitsform stecken im Stamm und vor allem in der Endung ei-nes einzigen Wortes. Auch die Deklina-tion, die Beugung der Nomen, kommt ohne bestimmten oder unbestimmten Artikel aus.

Römer haben eine Fülle von Texten hinterlassen

Latein ist trotz aller Berührungen und Entlehnungen nicht der direkte Vorläufer des Germanischen. Trotzdem müssen wir Latein als Zwischenstufe in der Sprachgeschichte heranziehen, denn die Römer haben eine Fülle von Texten hinterlassen. Die ersten Aufzeichnungen in deutscher Sprache stammen dagegen erst aus der Zeit des Althochdeutschen (750 bis 1050).

Das christliche Glaubensbekenntnis, das sogenannte Credo, lautet auf Althochdeutsch am Anfang folgendermaßen: Kilaubu in kot fater almahticun, kiskaft himiles enti erda. Der Text beginnt mit der Verbform „kilaubu“ („ich glaube“). Die Endung zeigt deutlich, dass es sich um die 1. Person Singular handelt. Ein Personalpronomen war nicht erforderlich. Auch die Deklination kommt ohne­ einen Artikel aus: „erda“ ist Genitiv („der Erde“).

Konjugation ist heute nicht einfacher als im Mittelalter

Im Regelfall wird in den germanischen Sprachen die erste Silbe eines Wortes betont. In anderen Sprachen ist der Wortakzent bis in die Gegenwart hinein viel freier. Wenn man vorn jedoch fast allen Atem verbraucht, bleibt hinten wenig Kraft für den Schluss eines Wortes. Das führte zur Abschwächung der unbetonten Endsilben, die sich danach nicht mehr genügend unterschieden, um die grammatischen Informationen zu tragen. Andere Wortarten mussten diese Aufgabe übernehmen.

Das zeigt sich beim Übergang zum Mittelhochdeutschen (1050 bis 1350), bei dem das Credo sich so liest: Ich geloube an got vater almechtigen, schepfære himels und der erde. Die Endsilbe des Verbs hatte sich so weit abgeschwächt, dass jetzt ein Pronomen vonnöten war, um die Person zu kennzeichnen. Eine solche Abschwächung der unbetonten Endsilben trat auch bei den Substantiven ein. Aus ahd. „erda“ war mhd. „erde“ geworden. Der Genitiv musste mit einem flektierten Artikel verdeutlicht werden: „der erde“.

Das bedeutet aber nicht, dass die Konjugation heute einfacher ist als im Mittelalter. Wir müssen jetzt mit mehreren Wörtern und Wortteilen jonglieren. Der Unterschied zwischen starken (unregelmäßigen) Verben, die im Stamm ablauten oder sogar den Konsonanten verändern (wir ziehen – wir zogen – wir haben ge-zog-en) und den schwachen (regelmäßigen) Verben, die im Präteritum ein -t- an den Stamm anhängen (wir sagen – wir sag-t-en, wir haben ge-sag-t) ist bereits erwähnt worden.

Für die gesamte Konjugation bräuchte es zehn Folgen dieser Kolumne

Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht nachdrücklich genug darauf hinweisen, dass es sich bei „winken“ um ein schwaches (!) Verb handelt: winken – winkte – gewinkt und nicht etwa „winken, wank, gewunken“! Sie haben Ihrer Schwiegermutter zugewinkt und nicht „zugewunken“. Ein ehrliches Winken erfordert zumindest eine korrekte Grammatik.

Um die gesamte Konjugation abzuhandeln, müsste ich zehn Folgen dieser Kolumne einplanen. Deshalb picken wir uns für heute einmal die Zeitform Futur II heraus, die vollendete Zukunft. Dabei ist in der Zukunft bereits etwas geschehen, bevor die Zukunft überhaupt begonnen hat – jedenfalls grammatisch: Wenn ich morgen nach Hause kommen werde, wird meine Schwiegermutter schon abgereist sein. Hoffentlich wird sie, sonst müssten wir sie vom Aktiv ins Passiv befördern und damit vom Täter zum Opfer machen: Wenn ich morgen nach Hause kommen werde, wird meine Schwiegermutter endlich hinauskomplimentiert worden sein.

deutschstunde@t-online.de

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