Meinung
Hamburger Kritiken

Vom solidarischen Sammeln, Saufen und Kaufen

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes

Foto: HA

Wie die Pandemie unser Land verändert, wird nicht nur in Brüssel und Berlin entschieden. Sondern von uns.

Hamburg. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle über das Impfdesaster schreiben, das die EU-Kommission durch ihr zögerliches und bürokratisches Bestellen angerichtet hat und das uns länger als nötig in der Pandemie gefangen hält.

Aber es klingt ein bisschen wohlfeil, denn auch wir Journalisten haben uns bis Dezember kaum um diesen Generalschlüssel zur Befreiung aus dem Lockdown gekümmert. Möglicherweise auch deshalb, weil die drei Herren, die es viel besser gemacht haben als die EU, stets als Trio des Populismus galten: Boris Johnson, Donald Trump und Benjamin Netanjahu. Möglicherweise haben da Vorurteile die scharfe Sicht getrübt.

Deutschlands Bilanz ist unserem Versagen verschuldet

Eigentlich wollte ich dann über das deutsche Versagen schreiben: Der selbst ernannte Meister der ersten Welle findet sich in der zweiten Welle weit hinten wieder und muss überdurchschnittlich hohe Todesraten verkraften.

Vielleicht hat die Selbstgefälligkeit aus dem Sommer unsere Illusion genährt, wir seien besser aufgestellt als andere: Aber mit Gesundheitsämtern, die noch Faxe verschicken, mit einer Corona-App, die nur Datenschützer glücklich macht, aber im Kampf gegen die Pandemie versagt, oder mit Laboren, die anders als in den Nachbarländern kaum nach Mutationen suchen, kann man keine Pandemie bekämpfen. Deutschlands äußerst mäßige Bilanz ist nicht das Versagen der anderen, es ist unser aller Versagen.

Aus Fehlern lernen und Hilfe leisten

Dennoch: Das ständige Lamentieren bringt uns nicht weiter – es muss darum gehen, aus den Fehlern zu lernen. Wir sollten nicht länger Beobachter sein, sondern Macher, nicht länger Bedenkenträger, sondern Gestalter, nicht länger Zuschauer, sondern Akteure. Und siehe da: Wir sind viel weiter, wenn man sich genauer in der Stadt umschaut. Es gibt unzählige Initiativen, die nicht auf andere warten, sondern selbst etwas tun, die nicht nach Hilfe rufen, sondern Hilfe leisten, die nicht auf den Staat warten, sondern selbst solidarisch sind.

Eine dieser beeindruckenden Initiativen ist das Kehrwiederpaket, ein Carepaket mit Bier und Schnaps, Kaffee und Marmelade, das die Gastronomen Tim Mälzer und Fabio Haebel erfunden haben. Sie haben eine Kiste vollgepackt mit Spezialitäten kleiner Manufakturen, die ums Überleben kämpfen – für einen fairen Preis, der die Geiz-ist-geil-Logik durchbricht. Und Tausende Hamburger, die bestellen und bestellen und bestellen, haben das verstanden.

Initiativen erkennen und unterstützen

Ein anderes Beispiel ist das Panini-Sammelalbum zugunsten der Hamburger Kultur-, Klub- und Kunstszene. 50.000 Alben sind gedruckt mit 2,5 Millionen Aufklebern, die Prominente mit und ohne Schnutenpulli zeigen. Das „#TeamHamburg-Album“ gibt es seit Dienstag an den Kiosken. Selten war Sammeln so solidarisch. Den Gewinn verteilt der Verein MenschHHamburg.

Überall bewegen sich Menschen, die sich nicht von der Pandemie, der Tristesse des Lockdowns und den schlechten Nachrichten Bange machen lassen wollen. Überall zeigt sich ein Hamburg-Gefühl, um das viele andere Städte uns beneiden. Ein Hamburg-Gefühl, das aber nur funktioniert, weil es ein Wir gibt – und nicht nur ich, ich, ich.

Geschäfte um die Ecke statt Amazon unterstützen

Corona wird zur Feuerprobe unserer Solidarität: Mit einer Amazon-Bestellung retten wir die Dividende das reichsten Mannes der Welt; mit Bestellungen beim Buchladen, Spielwarengeschäft oder Modeanbieter um die Ecke retten wir Existenzen.

Viele können sich das leisten. Die Sparquote der Deutschen ist so hoch wie nie zuvor. Weil Restaurants geschlossen sind, Reisen ausfielen und Einkaufen nur schwer möglich ist, haben viele Menschen mehr Geld auf dem Konto als je zuvor. Der Anteil des verfügbaren Einkommens, den die privaten Haushalte zurückgelegt haben, ist im vergangenen Jahr auf 16,6 Prozent angestiegen.

Wir entscheiden, welche Geschäfte und Kneipen überleben

Wenn wir das Geld bald ausgeben, sollte nicht die Frage sein, was wir wo sparen können, sondern wen wir wie unterstützen. In den kommenden Monaten entscheidet sich, welche Kneipen, Restaurants, Clubs und Geschäfte überleben. Besser gesagt: Wir entscheiden.

Wem das alles noch nicht Gründe genug sind, der schlage einfach in der Hamburgischen Verfassung nach. In der Eingangsformel heißt es dort: „Jedermann hat die sittliche Pflicht, für das Wohl des Ganzen zu wirken. Die Allgemeinheit hilft in Fällen der Not den wirtschaftlich Schwachen und ist bestrebt, den Aufstieg der Tüchtigen zu fördern.“

Helfen wir.

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