Meinung
Leitartikel

Corona-Drama am UKE: Ein bitterer Abschluss

Der Autor ist Chefreporter der Lokalredaktion des Abendblatts.

Der Autor ist Chefreporter der Lokalredaktion des Abendblatts.

Foto: Monika Drews / HA

Die Einstellung des Verfahrens durch die Hamburger Staatsanwaltschaft lässt die Angehörigen weiter allein.

Hamburg. Elf Menschen sind tot, weil etwas schrecklich schiefgelaufen ist – nur so viel ist Gewissheit. Der noch vor Lebenslust strotzende Senior Niels Boldt könnte noch leben, auch die erst 21 Jahre alte Ines Brandtjen, die von ihrem Krebsleiden fast geheilt war und davon träumte, „Spanien auszuchecken“. Wäre es ein Flugzeugabsturz gewesen oder ein Terroranschlag, würden die Verstorbenen weiter geehrt. Die Politik und die halbe Stadt würden nicht Ruhe geben, bis ihre Angehörigen endlich Antworten auf ihre Fragen bekommen.

Die Hinterbliebenen des fatalen Corona-Ausbruchs im UKE saßen über Monate zu Hause und hörten nichts, bis jetzt ein Brief der Staatsanwälte kam: Die Ermittlungen werden eingestellt. Geschieht kein kriminalistisches Wunder mehr, ist es vorbei.

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Es ist wenig überraschend, dass auch die Ermittler und ein Gutachten nicht gerichtsfest klären konnten, wie das Virus seinen Weg ausgerechnet in den „Hochsicherheitstrakt“ von Hamburgs renommiertester Klinik fand – und sich dort mutmaßlich über Wochen unbemerkt verbreiten konnte. Aber es ist schlicht und markerschütternd bitter. Nicht nur wegen der vielen offenen Fragen und Hinweise auf einzelne, konkrete Versäumnisse. Sondern weil Ausbrüche wie dieser sich bereits wiederholen, in Krankenhäusern wie Pflegeheimen. Weil wir eigentlich lernen müssten aus dem, was geschehen ist. Weil die Hinterbliebenen aller Corona-Toten mehr verdient haben als Einsamkeit und Juristendeutsch.

Hamburger Klink hat hierbei teils entsetzliches Bild abgegeben

Das UKE hat hierbei ein teilweise entsetzliches Bild abgegeben. Zur unbestrittenen Brillanz und zum Selbstverständnis des Klinikums wollten die Geschehnisse von Anfang an nicht passen. Nachdem der Ausbruch erst mit wochenlanger Verzögerung bekannt wurde, prahlte die Führung mit dem eigenen Krisenmanagement und wischte jede Kritik mit Verweis auf eingehaltene Formalien zur Seite. Zwar kann man kaum vom größten Klinikum der Stadt verlangen, die Angehörigen bei jedem einzelnen Todesfall eng in ihrer Trauer zu begleiten. Das Verhalten der UKE-Führung war aber vor allem im unmittelbaren Nachklang des Ausbruchs weniger empathisch als arrogant.

Wer annahm, dass dafür der Senat im Sinne der Opfer eine tiefgehende Aufklärung forcieren würde, muss sich heute naiv fühlen. Während Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) nach Erscheinen eines großen Abendblatt-Dossiers über den Ausbruch ein ehrlich betroffenes Wort im Rathaus fand, beließ es die für das UKE zuständige Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) bei schriftlichen Stellungnahmen. Auf die Einstellung des Verfahrens regierte sie ebenso und sprach ihr Mitgefühl aus, ohne weitere Details zu nennen. Die Untersuchung des Ausbruchs durch das UKE liegt bei ihr unter Verschluss.

UKE scheint durch herausgehobene Rolle politisch unantastbar

Sie habe nur die Rechtsaufsicht über das UKE und nicht die Fachaufsicht, heißt es dazu als Begründung. In der SPD-geführten Sozialbehörde bleiben kritische Fragen zum Ausbruch und der Reaktion Fegebanks derweil hinter vorgehaltener Hand. Das UKE scheint durch seine herausgehobene Rolle in der Pandemie politisch unantastbar. So fallen auch berechtigte Fragen der Angehörigen in den Abgrund der Koalitionsräson.

Die Hinterbliebenen sind dabei nicht allein mit ihrer Ungewissheit. Auch von Ärztinnen und Pflegern im UKE ist zu hören, dass sie die Geschehnisse noch immer beschäftigten. Dass sie damals wie heute selbst Fragen haben. In den Gutachten, Untersuchungen und Ermittlungsakten stecken mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Erkenntnisse, die im Kampf gegen die Pandemie noch wertvoll sein können. Es fehlt bislang nur der Mut, sich ihnen öffentlich zu stellen.