Meinung
Kommentar

Vorsicht vor Weihnachten

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Nach wochenlangen Entbehrungen: Kann es richtig sein zu feiern, als wäre Corona schon vorbei?

Hamburg. Weihnachten ist immer überladen mit Emotionen und Erwartungen. Aber das Fest in diesem Jahr toppt alles. Es soll Atempause nach dem Lockdown light und vor den schwierigen Wintermonaten sein, Familienwiedersehen und Kinderfreude, und, im besten Fall, Wendepunkt in der Pandemie.

Wenn über die Weihnachtsferien die Zahl der Neuinfektionen sinkt und jene der Impfungen gegen Corona steigt, dann könnte der Start in ein neues, besseres und gesundes Jahr 2021 gelingen, nachdem wir uns alle so sehnen.

Die Politik meint es gut mit uns, wenn sie ihre Strategie gegen Corona so ausrichtet, dass wir, die Bürgerinnen und Bürger, Weihnachten feiern und die Liebsten sehen können. Und natürlich ist die Sehnsucht gerade jetzt, nach fast einem Jahr in einer nicht vorstellbaren Naturkatastrophe, groß danach, dass sich irgendetwas endlich mal wieder so anfühlt wie früher.

Gut gemeint: Alles für ein halbwegs frohes Fest

Wenigstens Weihnachten! Dafür werden die Ferien vorverlegt, dafür werden die Betriebe gebeten, ihre Belegschaften, wann immer es geht, im Homeoffice arbeiten zu lassen, dafür werden die Kontaktmöglichkeiten zwischen Haushalten noch einmal beschränkt. Für ein halbwegs frohes Fest. Wie gesagt: Das ist wirklich gut gemeint.

Aber ist es auch gut, wenn wir zu Weihnachten ausgerechnet das machen, was wir zuletzt bewusst und unter großen Entbehrungen vermieden haben? Wochenlang haben die Großeltern ihre Enkel nicht gesehen, und wenn, dann draußen, mit drei Meter Abstand. Wochenlang haben wir uns, so gut es ging, zu Hause eingeigelt, so wenig Freunde und Bekannte getroffen wie möglich, am besten gar keine.

Der für März geplante Skiurlaub ist auch schon abgesagt. Und dann sollen wir, als wäre dieser ganze Corona-Wahnsinn vorbei, zu Weihnachten durchs Land zu Freunden und Familien reisen, uns gemeinsam an den Weihnachtstisch setzen oder unter den Tannenbaum, ohne Abstand, ohne Mund-Nasen-Schutz? Hoffentlich geschützt von einer selbst verordneten Vor-Quarantäne, auf die sich nach Weihnachten am besten eine Nach-Quarantäne anschließt?

Weihnachten wie immer feiern, könnte ich nicht genießen

Mir persönlich, und Weihnachten ist eine sehr persönliche, private Sache, da hat der um den CDU-Vorsitz kämpfende Friedrich Merz schon recht, sind das zu viele Fragen. Mir würde es schwerfallen, unter Corona-Bedingungen Weihnachten wie immer zu feiern, und ich glaube nicht, dass ich es genießen könnte – im Gegenteil.

Wie gesagt, es ist eine persönliche Entscheidung, die aber demnächst millionenfach getroffen werden muss und die trotz aller Vorbereitungen vonseiten der Politik nicht leicht ist. Denn es waren und sind ja gerade die persön­lichen Verhaltensweisen, die über den Verlauf der Pandemie entschieden haben und weiter entscheiden werden. Insofern trägt jeder, gerade zu Weihnachten, eine große Verantwortung, nicht nur für sich, sondern für die
Gemeinschaft.

Berücksichtigen muss man dabei auch, dass wir an einem entscheidenden Punkt sind. Die Impfstoffe sind da, die kalte Jahreszeit wird Weihnachten zur Hälfte herum sein. Wenn wir die Ferien dazu nutzen, die Infektionszahlen wieder auf einen Sieben-Tage-Wert unter 50 je 100.000 Einwohner zu drücken, könnte es reichen, um unser Gesundheitssystem bis in das Frühjahr zu retten. In dem wird sicher noch nicht alles wieder so sein wie vor der Pandemie, aber deutlich besser als heute. Das wäre doch das schönste Geschenk – und noch dazu eines, das wir uns selbst machen können.