Meinung
Sportplatz-Kolumne

Uns droht eine Generation von Schlaffis

Abendblatt-Sportredakteur Rainer Grünberg

Abendblatt-Sportredakteur Rainer Grünberg

Foto: Mark Sandten

Das Sportverbot für Kinder und Jugendliche kann dramatische Folgen für die Gesellschaft haben. Die Politik muss hier handeln.. Gesperrte Fußballplätze, verschlossene Sporthallen, leer stehende Fitnessstudios, Homeoffice als Quarantänemaßnahme: Die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, hat jetzt zum wiederholten Male Alarm geschlagen, vor einem zunehmenden Mangel an Bewegung gewarnt. Erwachsene brauchen pro Woche zweieinhalb bis fünf Stunden moderate bis intensive Anregungen für ihr Herz-Kreislauf-System, empfehlen die obersten Gesundheitshüter, Kinder und Jugendliche sollten durchschnittlich eine Stunde am Tag aktiv sein. Etwa 25 Prozent der Erwachsenen, rund 80 Prozent der 13- bis 17-Jährigen blieben aber unter diesen Vorgaben, und das oft schon vor Corona. Dies hat Folgen nicht nur fürs eigene Wohlbefinden und die Lebenserwartung, sondern auch nachhaltige volkswirtschaftliche Auswirkungen. Der Krankenstand, im schlimmsten Fall die Todesfälle drohen in den nächsten Jahrzehnten dramatisch anzusteigen, was dem Bruttosozialprodukt immens schaden und unser Gesundheitssystem dann endgültig überlasten dürfte.

Die Politik wäre daher gut beraten, auch diese Aspekte in ihre Eindämmungsverordnungen einfließen zu lassen, schließlich soll es noch eine Zeit nach Corona geben. Die wird angesichts ungebremster Schuldenaufnahme des Staates möglicherweise beschwerlicher als die Pandemie selbst – vor allem für jene Jahrgänge, die irgendwann die Milliardenkredite abtragen sollen, sich jetzt aber nicht mehr frei bewegen dürfen und damit in ihrer Entwicklung behindert werden, körperlich wie auch seelisch. Das Universitätsklinikum Eppendorf hatte nach der ersten Aussperrung im Frühjahr in einer Studie bei Schülerinnen und Schülern unverhältnismäßige Gewichtszunahmen sowie häufigere Depressionen festgestellt.

Kinder und Jugendliche trifft der Lockdown am härtesten, bremst sie in ihrem natürlichen Entfaltungsdrang. Während sich Erwachsene selbst organisieren können, allein, zu zweit oder in Kleingruppen mit Abstand joggen und spazieren gehen, benötigen Heranwachsende Strukturen. Die finden sie weiterhin in der Schule und fanden sie in ihren Sportvereinen – bis im Frühjahr Corona kam. Wenn wir nicht aufpassen, ziehen wir gerade eine Generation von Schlaffis heran. Genau diese Gefahr besteht, wenn Sport und Bewegung nicht mehr als integraler Bestandteil des Alltags empfunden und gelebt werden, wenn Laufen, Springen, Werfen, Spielen und Toben aus der Routine fallen, wenn die Lust auf und das Bewusstsein für ein aktives Leben verloren gehen. Da mögen drei Monate noch nicht entscheidend sein, doch wir nähern uns einer kritischen Grenze. Und weiterhin gilt, wenn auch nicht gendergerecht: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Das Pro­blem sollte die Politik also im wahrsten Wortsinn nicht aussitzen.

Christoph Holstein, der überaus sportliche Hamburger Sportstaatsrat, hat gesagt, wenn die Stadt nur einen Wunsch frei hätte, welche Einschränkung des öffentlichen Lebens sie sofort aufheben dürfte, wäre es das Sportverbot für Kinder und Jugendliche. Lieber Herr Holstein, möchte ich Ihnen da zurufen: Nehmen Sie sich diese Freiheit! Nicht nur die Kinder und Jugendlichen, deren Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher werden es Ihnen danken – im Nachhinein auch die gesamte Bevölkerung für so viel politische Weitsicht.

Dabei ist das Risiko überschau- und kontrollierbar, vor allem im Freien, in frischer Luft, auch jetzt noch. Es gibt ja kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung. Vereine und Studios haben zudem von den Gesundheitsämtern geprüfte, für gut befundene Hygienekonzepte entwickelt und zwischen den Lockdowns auch umsetzen können. Sie sind nicht die Superspreader. Das Argument, dass Eltern, nachdem sie ihre Kinder beim Sport abgeliefert haben, vor den Hallentoren für ungewollten Auflauf sorgen, könnten Fahrgemeinschaften entkräften. Ohnehin sind die Vereine von zu Hause aus gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen. Auf das Auto zu verzichten wäre darüber hinaus der erste Schritt in eine gesündere Welt.