Meinung
Leitartikel

Wenn ich ein Kind in Corona-Zeiten wäre ...

Lars Haider, Chefredakteur  des Hamburger Abendblatts.

Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible

Wissen wir Erwachsene, ahnen unsere Politiker, wie die „Generation Corona“ unter der Pandemie leidet?

Hamburg. Wenn ich ein Kind wäre, würde ich langsam an den Erwachsenen verzweifeln. Die haben den Kindern in der Corona-Pandemie sehr viel zugemutet und tun das weiter: Erst sollten die Mädchen und Jungen, ähnlich wie bei der Grippe, potenzielle Virusschleudern sein, weswegen im Frühjahrs-Lockdown sofort alle Schulen und Kitas weitgehend geschlossen wurden. Dann hieß es, dass sie doch nicht zu den Treibern des Infektionsgeschehens gehören, und Schulen und Kitas wurden wieder geöffnet, als gäbe es keine Pandemie mehr. Masken? Abstand? Braucht ihr nicht, alles gut! Das ist noch gar nicht lange her.

Heute tragen die Älteren längst Mund-Nasen-Schutz im Unterricht, heute wird alle 20 Minuten gelüftet – und wenn es nach der Bundeskanzlerin geht, werden die Klassen bald halbiert und die Zahl der Freunde, die jedes Kind treffen darf, auf einen reduziert. Was allein schon deshalb ein seltsamer Vorschlag ist, weil die Kleinen selbst bei verringerter Stärke tagsüber ja mit mindestens zehn weiteren Klassenkameraden stundenlang auf engem Raum zusammen sind …

Politiker müssen Ordnung in die Lage bringen

Was für ein Durcheinander, was für ein Chaos, in dem sich unsere Kinder da seit Monaten befinden. Heute so, morgen so – und übermorgen wieder anders. Kinder fragen sich zu Recht, ob die Erwachsenen eigentlich noch wissen, was sie tun.

Wir sollten schnell eine ehrliche Antwort darauf geben. Im Kern geht es um die Frage, ob Kinder und Jugendliche für den weiteren Verlauf der Pandemie so entscheidend sind, wie es der strenge Maßnahmenkatalog der Bundeskanzlerin suggeriert – oder eben nicht. Gilt Letzteres, kann man die Schulen so weiterlaufen lassen wie bisher. Gilt es nicht, muss man den Schulbetrieb in der bisherigen Form beenden, weil sonst die Infektionszahlen kaum unter den angestrebten Wert von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner sinken werden.

Die Entscheidung müssen Politiker jetzt treffen, um Ordnung in die Lage und ins Land zu bringen – und um Schülern nicht das Gefühl zu geben, dass sie eigentlich machen können, was sie wollen, weil am Ende doch alles falsch ist.

Kinder haben unter der Pandemie Jahr stark gelitten

Kinder und Jugendliche sind von dem Coronavirus nicht so stark betroffen wie Ältere, sie können sich zwar genauso anstecken, die Krankheit verläuft bei ihnen aber fast ausnahmslos asymptomatisch oder mild. Trotzdem, und das dürfen die Erwachsenen nicht vergessen, haben sie unter der Pandemie in diesem Jahr stark gelitten. Man übersieht schnell, was es für kleine Jungen und Mädchen bedeutet, wenn sie in der Zeitung lesen müssen, dass die Kanzlerin will, dass sie sich nur mit einem Freund treffen dürfen und nicht mit mehreren. Man unterschätzt, wie sich Jugendliche fühlen, die explizit mit dem Vorwurf leben müssen, dass sie sich ja „sowieso nicht an die Regeln halten“ und am Ende schuld sind, wenn das Virus in die Familien getragen wird. Das ist unfair und wird der Verantwortung nicht gerecht, die die Erwachsenen gerade jetzt für die Kinder übernehmen müssen.

Ja, es geht bei der Pandemie vor allem um die Gesundheit, um den Schutz von Risikogruppen, zu denen Kinder in der Regel und zum Glück nicht gehören. Aber es geht auch darum, dass wir den Kindern nicht noch mehr Angst vor der (nahen und fernen) Zukunft machen, als sie sowieso schon haben.

Für die „Generation Corona“ brauchen wir jetzt Entscheidungen, die länger tragen als bis zur nächsten Runde der Kanzlerin mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten. Und vielleicht brauchen wir auch noch mehr Politikerinnen und Politiker in verantwortungsvollen Positionen, die selbst (kleine) Kinder haben.