Meinung
Deutschstunde

Wenn der liebe Gott für den Großvater leidet

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Die Syntax, der Bau des Satzes, ist im Deutschen recht flexibel. Trotzdem dürfen die Wörter nicht an der falschen Stelle landen.

„Nach langem schweren Leiden hat Gott meinen lieben Mann, unseren Vater und Großvater zu sich genommen.“ Wir wollen die Trauer der Angehörigen nicht stören, müssen aber die Frage stellen, wer hier eigentlich leidet oder gelitten hat. Wenn wir die Aussage wörtlich nehmen, bezieht sich das lange schwere Leiden auf Gott. Es mag ja sein, dass Gott seit Langem darunter leidet, dass er die Welt, die er schuf, nicht besser ohne Corona und Klimakrise hat schaffen können, aber hier geht es um den Verstorbenen, der vor seinem Tod von schwerer Krankheit gezeichnet war und nun erlöst ist. Das sollte bei aller Trauer jedoch in korrekter Syntax mitgeteilt werden.

Die Syntax von griech. sýntaxis (Zusammenstellung) aus sýn (zusammen) und táxis (Ordnung) bezeichnet die Lehre vom Bau des Satzes. Sie untersucht die übliche Verbindung von Wörtern zu Phrasen (Wortgruppen) und Sätzen. Bei unserem Zitat ist die Verknüpfung der Teile des Satzes durcheinandergeraten, sodass sich eine falsche Zuordnung ergibt. Wir müssen die Glieder neu sortieren: „Gott hat meinen lieben Mann, unseren Vater und Großvater nach langem schweren Leiden zu sich genommen.“

Diese Umstellung ist allerdings noch nicht gegen jedes gewollte blasphemische oder sophistische Missverständnis von Leuten gefeit, die die adverbiale Bestimmung nach wie vor auf Gott beziehen. Also müssen wir den Toten in grammatischer Hinsicht vom Objekt (Satzergänzung) zum Subjekt (Satzgegenstand) befördern: „Mein lieber Mann … ist nach langer schwerer Krankheit zu Gott heimgekehrt.“

Wir sollten doch wenigstens die künftigen Toten mit der richtigen Syntax beerdigen

Im Englischen und vielen anderen Sprachen gilt die feste Abfolge von Subjekt, Prädikat (Satzaussage) und Objekt, die sogenannte SPO-Regel. Im Deutschen sind wir weitaus flexibler: Mutter backt in der Küche mit Elisa ein schönes Knusperhäuschen aus Lebkuchen. In der Küche backt Mutter mit Elisa ein schönes Knusperhäuschen aus Lebkuchen. Mit Elisa backt Mutter in der Küche ein schönes Knusperhäuschen aus Lebkuchen. Aus Lebkuchen backt Mutter in der Küche mit Elisa ein schönes Knusperhäuschen. Bei diesen Verschiebungen ändert sich der Sinn des Satzes nicht, höchstens die Betonung seiner Glieder.

Bei aller stilistischen Freiheit müssen wir aber darauf achten, dass sich bei diesem Puzzle keine Mehrdeutigkeit ergibt, bei dem Gott und Großvater im grammatischen Sinne die Plätze getauscht haben. Ein 90 Jahre alter Leser machte mich in einem Telefongespräch auf die Syntax-Fehler in Traueranzeigen aufmerksam, die ihn sein Leben lang beschäftigt hatten. Ich antwortete, dass ich immer nur den Trauerrand um die Anzeigen gesehen und im Unterbewusstsein stets alle Leiden dem Verstorbenen zugeteilt hätte. Wir könnten nicht Hunderttausende von Todesanzeigen der letzten Jahrhunderte neu schreiben. Aber wenn wir auch den Archivbestand nicht ändern dürfen, so sollten wir doch wenigstens die künftigen Toten mit der richtigen Syntax beerdigen.

Die Krux liegt im Genitiv

Da wir gerade von Todesanzeigen reden: Vor einigen Jahren erschien während der Karwoche in einer Nürnberger Zeitung folgende Anzeige: „Wir gedenken an den Tod von/ Jesus Ben Josef/ genannt der König der Juden/ * 4. v. Chr. † 34 n. Chr.“ Ein evangelischer Pastor wollte die Menschen zum Nachdenken darüber anregen, „was am Karfreitag wirklich war“, und lud zum Gottesdienst als Feier zum Gedenken an die Todesstunde Jesu ein. Beim Lesen der Anzeige bin ich zusammengezuckt. Nein, es geht nicht darum, dass Jesus demnach vier Jahre vor seiner Geburt geboren worden ist, es geht ausschließlich um die Grammatik. Die Krux liegt im Genitiv.

Das Verb „gedenken“ im Sinne von „sich ehrend an jemanden erinnern“ steht mit dem Genitiv, immer mit dem Genitiv und nur mit dem Genitiv! Weder der Dativ („Der Bundestag gedenkt ‚dem‘ Fall der Mauer“) noch eine Präposition („Wir gedenken ‚an den Tod‘“) ist richtig, sondern nur „Wir gedenken des Todes“. Der gleiche Fall, nämlich der Genitiv, steht übrigens auch bei „Herr werden“. Wir werden „des Verkehrs“ nicht Herr, nicht „dem“ Verkehr. Ein Freund schaute auf die Textstelle mit dem falschen Dativ und fragte: „Was ist daran eigentlich falsch?“ Es gibt Augenblicke, an denen man verzweifeln könnte!

deutschstunde@t-online.de