Meinung
Gastbeitrag

Corona – Hamburger Ärztechef fordert mehr Gelassenheit

Walter Plassmann ist Chef der Kassenärztlichen Vereinigung in Hamburg und mahnt zu mehr Gelassenheit im Umgang mit Corona.

Walter Plassmann ist Chef der Kassenärztlichen Vereinigung in Hamburg und mahnt zu mehr Gelassenheit im Umgang mit Corona.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Hiobsbotschaften machen Menschen krank, schreibt Walter Plassmann. Die Pandemie müsse realistisch eingeschätzt werden.

Hamburg. Von einer „Corona-Schockwelle“ sprach Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im Interview mit dem Hamburger Abendblatt. Gewohnt martialisch wollte er damit warnen vor einem Zusammentreffen der Grippe- mit der x-ten Corona-Welle. Es kann aber auch ganz anders kommen: die Befolgung der „AHA-Regeln“ hat im vergangenen Frühling dazu geführt, dass die saisonal üblichen Erkältungs- und Grippekrankheiten nahezu ausgeblieben sind. Da die Regeln immer noch gelten, kann das im anstehenden Winter genauso kommen.

Für die aktuelle Corona-Diskussion ist das Söder’sche Muster typisch: Unter mehreren Möglichkeiten wird immer die dramatischste genommen, notwendige Relativierungen werden als „Verharmlosung“ verunglimpft und der „Schlag auf die Zwölf“ gilt so lange als probates politisches Mittel, solange die Bevölkerung dies mit guten Umfragewerten belohnt. Das hat Konsequenzen.

Hiobsbotschaften zu Corona machen die Gesellschaft krank

Permanenter Stress, ununterbrochene Aufgeregtheit und Angst schädigen Körper und Seele eines Menschen. Sie machen ihn krank. Das ist bei einem Volkskörper und einer Volksseele nicht anders. Wer die Gesellschaft mit immer neuen Hiobsbotschaften auf immer höhere Bäume treibt, der macht die Gesellschaft krank – was wir an der Unerbittlichkeit erkennen, in der sich Lager gebildet haben.

Während die einen die Regeln mit einer Verbissenheit verteidigen und (bevorzugt bei anderen) überwachen, die mitunter absurde Züge annimmt, wollen die anderen nicht nur die Corona-Regeln entsorgen, sondern auch gleich die halbe Demokratie mit. Einer beängstigend geschlossenen politischen und medialen Einheitsfront steht ein nicht minder beängstigendes Gebräu aus Fanatismen gegenüber. Gespräche sind nicht mehr möglich, ein Abwägen der Meinungen geht unter im Gebrüll der einen wie der anderen Seite.

Das Coronavirus in Deutschland und weltweit

Es ist bezeichnend, dass die Debatte um das Sars-CoV-2-Virus von Medizinern bestimmt wird, die nicht mit dem ganzheitlichen Menschen arbeiten. Virologen sehen nur sehr kleine Teile des Menschen, Epidemiologen nur Zahlenreihen und Statistikmodelle, Anästhesisten sedierte Menschen. Das wirklich wahre Leben kommt im beruflichen Alltag der Drostens, Lauterbachs und Brauns nicht vor.

Viele Ärzte rufen im Umgang mit Corona zur Mäßigkeit auf

Das kennen aber die Ärztinnen und Ärzte, die in ihren Praxen und im „Arztruf Hamburg“ alltäglich mit dem Menschen in seiner Ganzheitlichkeit konfrontiert sind. Und diesen Ärzten ist schon im April aufgefallen, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen der politisch-medialen Aufgeregtheit und dem, was sie erleben. Es ist ja bezeichnend, dass unter denjenigen, die zur Mäßigung aufrufen, überdurchschnittlich viele Ärzte sind.

Die Covid-Krankheit verläuft bis auf extrem wenige Einzelfälle mild oder gänzlich symptomfrei. Es stimmt zwar, dass es auch zu ernsten, sogar tödlichen Folgen oder schweren Nachwirkungen kommen kann, aber dies ist erfreulicherweise sehr selten. Solche Verläufe können bei jeder Krankheit auftreten, selbst bei denen, die wir gerne als „harmlos“ bezeichnen. Es fällt uns allen schwer, dies zu akzeptieren, aber Krankheiten sind integrale Bestandteile unseres Lebens – wobei jeder anders reagiert auf körperliche oder seelische Beeinträchtigungen.

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Am besten werden wir aber in jedem Fall mit Krankheiten fertig, wenn wir gelassen und innerlich stark sind. Verängstigte, verstörte Menschen sind anfälliger, auch für schwere Verläufe. Gerade deshalb ist es höchste Zeit, dass wir eine realistische Einschätzung zur Pandemie bekommen.

Sars-CoV-2 ist kein "Killervirus"

Das Virus ist da und auf eine unberechenbare Weise virulent. Deshalb sind Schutzmaßnahmen sinnvoll. Aber es ist kein „Killervirus“, das uns zwingt, im aseptischen „Panikraum“ zu zittern, bis der Spuk vorbei ist.

Die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, ist sehr gering, die Wahrscheinlichkeit zu erkranken, hoch gering und die Wahrscheinlichkeit, schwer zu erkranken oder gar zu sterben, äußerst gering. Das sind die Botschaften, die Politik und Medien aussenden sollten, anstatt die Ausnahme zur Norm zu machen.

Dann hätten die Menschen wieder die Chance, zur Ruhe zu kommen, unaufgeregt die Hygieneempfehlungen umzusetzen, anstatt diese als Angriff auf ihre Persönlichkeitsrechte zu verstehen. Und dann würden wir im Winter auch nicht hinter jeder Triefnase eine tödliche Bedrohung vermuten.

Gelassenheit ist angebracht und angezeigt. Auch wenn das eine Schockwelle für Söder sein sollte.