Meinung
Deutschstunde

Was hat der Wein mit dem Satzbau zu tun?

Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über die Tücken der deutschen Sprache.

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Foto: HA

Eigentlich nichts, aber er mundet besser, wenn er in korrekter Grammatik kredenzt wird. Heute geht es um die Prädikative.

Hamburg. Die Grammatik endet nie, auch in meiner Kolumne nicht. Ein Adjektiv zum Beispiel ist ein Eigenschaftswort. Steht es vor einem Substantiv (Hauptwort), dann verstärkt oder verdeutlicht es dessen Eigenschaft. „Der Wein schmeckt“ ist ein vollständiger Satz, sagt aber noch wenig darüber aus, was dort genau getrunken wird. Also müssen wir die Aussage über den Wein durch ein Adjektiv präziser fassen: Der „rote“ Wein schmeckt. Somit ist zumindest klar, dass es sich um keinen Weißwein handelt, der auch kaum zum Rehrücken passen würde, wobei ein Rotwein ab der Preislage von 100 Euro natürlich nicht „schmeckt“, sondern „mundet“. Es könnte aber auch ein fruchtiger, süßer, lieblicher, trockener, herber, spritziger, süffiger, schwerer oder leichter Wein sein. Ich staune, welche fantasiereichen Attribute der Sommelier (Weinkellner) seinen Flaschen zu verpassen pflegt.

Damit sind wir bei dem Stichwort, auf das wir zusteuerten: beim Attribut, auf Deutsch bei der Beifügung. Steht
ein Adjektiv als Beifügung vor einem Substantiv, dann steht es in „attributiver Stellung“. Es handelt sich hier um kein eigenständiges Satzglied, sondern um ein Gliedteil. Das Adjektiv ist also Teil des Satzgegenstandes, fachsprachlich Subjekt genannt. Der Wein bildet in unserem Beispiel das Subjekt, das Subjekt ist in diesem Fall ein Substantiv, womit das attributive Adjektiv also eindeutig zu einem Substantiv gehört.

Die deutsche Syntax ist flexibel

Die deutsche Syntax (der Satzbau) ist allerdings recht flexibel. Nehmen wir an, wir wollten mit unserer Aussage nicht den Wein, sondern das Schmecken in den Vordergrund stellen, dann würden wir sagen: „Der Wein ist gut.“ In diesem Satz gehört „gut“ syntaktisch nicht zum Subjekt, zum Wein, sondern zum Verb, zur Satzaussage „ist“, die wir als Prädikat bezeichnen. Das heißt – das Prädikat kann allein mit der Flexionsform von „sein“ gar nicht leben! „Der Wein ist“ wäre ein Fragment, das sofort die Frage provozieren würde: Was ist der Wein? Welche Eigenschaft hat er? Wir müssen das Prädikat mit einem Adjektiv, einem Eigenschaftswort, ergänzen und zum vollwertigen Satzglied machen, also mit „gut, teuer, billig, abgestanden, sauer“ oder womit auch immer. Bei so einer Ergänzung handelt es sich um ein Adjektiv in „prädikativer Stellung“.

Um die Zahl der ansonsten zu erwartenden Zuschriften zu vermindern, sei darauf hingewiesen, dass die Wortart wegen der Stellung des Wortes zum Verb früher als Adverb (lat. ad verbum – das zum Verb Gehörende) bezeichnet wurde. Während meiner gesamten Schulzeit musste ich immer wieder umlernen, je nachdem, ob ein verstaubter Studienrat Deutsch unterrichtete oder ein junger Referendar, der die Bezeichnung „Adjektiv“ von der Universität mitgebracht hatte. Ihm wollen wir uns anschließen.

Prädikative können auch Substantive sein

Es handelt sich also um ein prädikatives Adjektiv, kurz um ein Prädikativ. Die Kopulaverben „sein“, „werden“ und „bleiben“ bezeichnen einen Zustand bzw. das Eintreten oder die Fortdauer eines Zustandes (von lat. copulare – verbinden). Allein sind sie relativ bedeutungslos, unvollendet, geradezu kas­triert. Um vollwertig zu werden, benötigen sie dringend ein Prädikativ. „Ina ist“ bleibt im Ungewissen, erst das Prädikativ „nett“ bringt mein Herz zum Schmelzen.

Prädikative können auch Substantive sein, sogar Präpositional- oder Adverbialphrasen: Hans wird „Lehrer“. Eike ist von „bäuerlicher Herkunft“. Die Anstrengung war „umsonst“. Derartige Prädikative beziehen sich alle auf das Subjekt, auf den Satzgegenstand. Davon zu unterscheiden ist allerdings das Objekts-prädikativ, der prädikative Akkusativ (Gleichsetzungsakkusativ). Das Objekts-prädikativ bezieht sich inhaltlich auf einen anderen Akkusativ (auf das direkte Objekt): Der Lehrer (wer?) nannte den Schüler (wen?) „einen Dummkopf“ (was?). Im entsprechenden Passivsatz stehen Subjekt und Prädikativ beide im Nominativ: „Der Schüler“ wurde vom Lehrer „ein Dummkopf“ genannt.

Um die Reihe vollzumachen: „Freie Prädikative“ benennen einen Zustand und treten unabhängig von bestimmten Verben auf: Er kam „müde“ von der Arbeit. In diesem Fall wäre das Prädikativ „müde“ syntaktisch und stilistisch verzichtbar. Es ist also „frei“.

deutschstunde@t-online.de