Meinung
Frauengold-Kolumne

Es ist so still in der Stadt, ich kann nicht mehr schlafen

Unsere Autorin beschleicht die Unruhe, obwohl draußen alles ruhig ist.

Unsere Autorin beschleicht die Unruhe, obwohl draußen alles ruhig ist.

Foto: AscentXmedia / iStock

In der Krise erleben wir viel Ungewohntes. Unsere Autorin ist hin- und hergerissen. Und erkennt, was uns wirklich wichtig ist.

Es gibt so viel Schönes in diesen Tagen. Der Zettel im Hausflur etwa, in dem zwei junge Mädchen ihre Unterstützung anbieten, falls jemand der Nachbarn zu krank ist, um zum Einkaufen zu gehen. Sie wollen helfen, wenn Eltern keine Kinderbetreuung haben. Auf Twitter dann schreiben nette Menschen, sie übernehmen Einkäufe, Erledigungen und so etwas, falls jemand in Quarantäne ist.

Es gibt so viel Frieden in diesen Tagen. Ich komme mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit einfach so durch die Stadt, ohne dass mich eine Mercedes G-Klasse beim Rechtsabbiegen auf die Kühlerhaube nimmt.

Es ist so schönes Wetter in diesen Tagen. Auf dem Balkon brennt mir die Frühlingssonne in der windstillen Ecke auf die Nase. Im Park sind Narzissen aufgeblüht, Vögel zwitschern.

Das Coronavirus und die Stille mitten in der Stadt

Es ist so still in diesen Tagen. Die Spielplätze sind leer und die Bolzplätze auch. Der Pausenhof der meiner Wohnung gegenüberliegenden Grundschule klafft mir verweist entgegen, wenn ich aus dem Fenster schaue. Ich wache auf, weil ich nichts höre, wo sonst das Gemisch aus Autotürenschlagen, Geschrei und Gelächter und Geschwätz zum Grundschulumfeld gehört.

Ich liege im Bett und sorge mich. Die Sonne scheint, aber tatsächlich trügt der helle Schein in diesen Tagen. Das Virus wirft seine Schatten.

Es gibt so viel Sündenböcke. Erst waren es die Chinesen, dann die Italiener. Dann die Geheimdienste. Mittlerweile sind es die Flüchtlinge auf Lesbos. Die Menschen erfinden Geschichten von schließenden Supermärkten, vom künstlich produzierten und absichtlich verbreiteten Virus, vom Corona-Tod nach Ibuprofen-Einnahme.

Es gibt so schlechte Präsidenten in diesen Tagen. Der US-Amerikaner Trump, der das Virus erst verleugnet, dann verharmlost, bis Gerüchte auftauchen, er sei selbst infiziert. Der Brasilianer Bolsonaro, der dabei ist, durch Ignoranz sein Land zum Corona-Hotspot zu machen.

Corona entlarvt Johnson, Trump, Bolsonaro und Co.

Der Brite Johnson, der viel zu lange zu Corona-Partys aufruft, damit der Spuk schneller vorbei ist. Aber das Virus lässt sich nicht verleugnen, nicht wegreden. Wer es versucht, macht es größer. Und das ist dann gar nicht mehr populär, weshalb das Virus es den Populisten dieser Welt ganz schön schwer macht.

Es gab so viel Egoismus vor diesen Tagen. Die Reisenden, die noch den letzten Flieger nahmen. Die Feiernden, die ihr Wohnzimmer zum Club machten. Die Sportfunktionäre, die mit ihrem Altenweißenmänner-Gehabe und dem Motivationsgemisch aus Macht und Geld ihre Spiele durchzogen, bis aus der Epidemie eine Pandemie geworden war.

Es gibt so viel Trauriges, Bedrohliches in diesen Tagen. Todkranke Menschen, denen das Virus den Rest gibt. Alte Menschen, die niemand mehr besucht. Musiker verlieren ihr Publikum, Gastronomen ihre Gäste. Es geht um Existenzen in diesen Tagen. Im Kleinen wie im Großen. Die ganze Weltwirtschaft steht auf der Kippe. Corona macht viele eben nicht nur krank, sondern auch arm.

Es gibt so viele Nachrichten in diesen Tagen. Und doch so wenig. Corona überschattet Klima, Rassismus, Wetter, CDU-Krise, Wahltage. Corona verdrängt Greta und erfüllt gleichzeitig eine ihrer vehementesten Forderungen: Nicht Fliegen, nicht reisen, schon gar nicht mit dem Kreuzfahrtschiff.

Die Franzosen horten Rotwein und Kondome. Wir Klopapier

Es gibt so viel zu erzählen, zum Beispiel über Hamsterkäufe und leere Regale. So lernen wir, was Menschen in den Ländern wichtig ist. Die Italiener brauchen Nudeln. Wir stellen und vor, wie die Familien um den Tisch herum sitzen, reden, Pasta essen.

Die Franzosen horten Rotwein und Kondome. Wir stellen uns die Paare vor, wie sie trinken und lachen, auf dem Balkon tanzen und dann, oh là là.

Die Amerikaner kaufen die Waffengeschäfte leer. Wir stellen uns vor, wie sie sich mit Gewehr neben der Haustür positionieren. Hoffentlich verwechseln sie nicht den Burger-Lieferanten mit vermeintlichen Bösewichten.

Die Deutschen lagern Mehl – und Klopapier. Wer will sich da noch etwas vorstellen?

Corona zwingt uns zur Ruhe, bis wir Panik bekommen. Corona zeigt uns, dass wir verwundbar sind, und nicht immer nur die anderen irgendwo in Asien, Afrika oder Nahost. Corona erdet uns, und das wohl auch nachhaltig, denn Corona geht nicht einfach wieder weg. Wir werden eine Weile damit leben müssen, und das wird unsere Gewohnheiten verändern. Es geht eben nicht immer so weiter, immer schneller, immer flexibler, immer mehr. Corona ist global – gleichzeitig zeigt es die Grenzen der Globalisierung, womöglich zerstört es sie sogar.

Was für ein Irrsinn.

Ich werde gleich aufstehen. Die Gedanken ordnen. Und nehme mir vor, vor allem das Schöne zu sehen. Ich schaffe das.

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