Meinung
Leitartikel

Man muss etwas für den Klimaschutz tun – aber ...

Die Autorin ist Redakteurin im Lokalressort.

Die Autorin ist Redakteurin im Lokalressort.

Foto: Thorsten Ahlf

Junge Leute fordern umweltbewusstes Handeln, leben aber nicht danach. Ist das ein Widerspruch oder eine Frage von Zeit und Geld?

Hamburg. Neulich erzählte in geselliger Runde ein Familienvater davon, wie es war, mal alles richtig zu machen. Also so, wie es seine Kinder, die zu „Fridays for Future“ gehen, für richtig halten. Und so entschloss er sich, für einen Termin in München nicht das Flugzeug zu nehmen, sondern die Bahn. Er verließ das Haus, als Frau und Kinder noch schliefen, setzte sich frühmorgens in den Zug, fuhr gute sechs Stunden bis nach München, nahm dort seinen Termin wahr und fuhr dann mehr als sechs Stunden wieder zurück. Rund 13 Stunden ­hatte­ er an diesem Tag im Zug gesessen und dafür etwas mehr als 200 Euro ausgegeben. Als er zu Hause ankam, lag der Rest der Familie schon im Bett. Und er fragte sich, ob er für dieses neue „Richtig“ möglicherweise einfach nicht gemacht ist.

Vielleicht ist es nur eine Anekdote, aber es ist eine Geschichte, die für vieles steht. Dafür nämlich, dass vermeintlich richtiges oder moralisches Verhalten oft in der Theorie prima klingt, in der Praxis aber scheitert. Weil es umständlich ist oder teuer. Oder beides. Und so klingt das Ergebnis des Hamburger Klima-Checks, nach dem sich gerade junge Menschen schwerer tun mit dem Verzicht auf Flugreisen oder das eigene Auto und seltener regionale Lebensmittel kaufen als ältere, nur auf den ersten Blick absurd. Wer sich heute irgendwo im Spektrum zwischen 18 und mittlerem Alter befindet, der beschäftigt sich zwar mit großer Wahrscheinlichkeit mit dem Thema Klimaschutz, steht im Alltag aber oft vor viel profaneren Problemen, die da heißen: Zeit und Geld.

Für einen breiten Sinneswandel braucht es mehr Zuspitzung

Wer etwa die vom Arbeitgeber oft geforderte Mobilität mitbringen will, der wird über kurz oder lang wohl doch im Flugzeug landen. Wem zwischen Feierabend und dem Abholen der Kinder aus der Kita nur 30 Minuten bleiben, um Einkäufe zu erledigen, der wird sich nicht in den Bus setzen, um am anderen Ende der Stadt in einen Unverpackt-Laden zu gehen. Wer zu Recht in einer zunehmend globalisierten Welt für sich entscheidet, diese Welt auch sehen zu wollen, der wird sich über kurz oder lang nicht mit Bahnreisen nach Dänemark begnügen.

Im Widerspruch zur Glaubwürdigkeit der vielen jungen Menschen, die für den Klimaschutz auf die Straße gehen, steht das nicht. Das, was sie bereits erreicht haben, wäre mit Plakatsprüchen wie „Wenn es irgendwie geht, wäre es toll, wenn du vielleicht ab und zu mal Bio kaufst“ nicht möglich gewesen. Für einen breiten Sinneswandel braucht es mehr Zuspitzung und mehr Druck.

Immer mehr Menschen achten darauf, Plastik zu vermeiden

Von immer mehr Menschen ist nun zu hören, dass sie regelmäßig auf Fleisch verzichten, dass sie beim Einkauf darauf achten, Plastik zu vermeiden und dass sie wieder häufiger mit der Bahn unterwegs sind und auf Ökostrom umstellen. All das sind wichtige Maßnahmen, die sich leicht umsetzen lassen und wenig kosten. Wer weiter gehen will, der landet zwangsläufig wieder bei Zeit und Geld und bei vielen Alltagshürden, die im Zweifel so genommen werden, dass es schnell geht und wenig kostet. Solange Biogurken teurer sind als die herkömmlichen und Bahnfahren unzuverlässiger und teurer ist als Fliegen, bleibt ein Teil der Bewegung eben denen vorbehalten, die entweder Zeit oder Geld haben. Oder am besten beides.

Der Familienvater erzählte übrigens auch noch davon, dass er am Geburtstag seiner Tochter wieder nach München musste, wo er bei einer Feier eingeladen war. Dieses Mal entschied er anders: Er feierte erst den Kindergeburtstag, setzte sich für 100 Euro ins Flugzeug, feierte in München und war am nächsten Tag zum Frühstück wieder da, was nicht zuletzt auch seine Kinder freute. Manchmal liegt richtig und falsch eben eng beieinander.