Meinung
Deutschstunde

Eine Koalition muss nicht immer groß sein

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig

Das ist eine Frage der Rechtschreibung. Die Gemeine Stubenfliege hingegen trägt den Großbuchstaben sehr zu Recht.

Noch haben wir, niemand weiß wie lange, eine „große“ Koalition. Oder handelt es sich sogar um eine „Große“ Koalition? Ob wir das Zusammengehen von Union und SPD als groß bezeichnen können, also als erfolgreiches politisches Bündnis betrachten dürfen, ist stark umstritten. Ob wir es jedoch großschreiben müssen (mit dem Großbuchstaben „G“), ist eine Frage der Orthografie.

Eine Koalition (zu lat. coalescere, „sich vereinigen“) ist laut Wörterbuch ein „zum Zweck der Durchsetzung gemeinsamer Ziele geschlossenes Bündnis besonders von politischen Parteien“. Eine „Große Koalition“ bezeichnet den Zusammenschluss der beiden Parteien mit den meisten Sitzen im Parlament. Es handelt sich nicht um eine Große Koalition, weil sie große Taten vollbringt oder wenigstens verspricht, sondern darum, ob es sich um ein bestimmtes, zeitlich und personell eindeutig zuordenbares Bündnis handelt oder aber um eine angedachte Möglichkeit.

Bestimmt oder unbestimmt, danach richtet sich auch Groß- und Kleinschreibung

Bis zum Jahre 2005 war die Unterscheidung eindeutig. Die Notstandsgesetze waren das Erbe der „Großen Koalition“. Damit war die Regierung Kiesinger/Brandt (1966 bis 1969) gemeint. Inzwischen hat Angela Merkel die SPD dreimal in die Regierung gelockt, also in eine große Koalition und sitzt jetzt wieder der bestimmten Großen Koalition vor. Als Eselsbrücke sei angeboten: Mit unbestimmtem Artikel schreiben wir „eine“ große Koalition klein, mit bestimmtem Artikel schreiben wir „die“ Große Koalition groß.

Überhaupt richtet sich die Groß- oder Kleinschreibung von Adjektiven in namenähnlichen Wörtern und Fügungen danach, ob es sich um einen bestimmten Begriff, Gegenstand bzw. eine genau definierte Art handelt – also quasi um ein Unikat – oder um eine austauschbare und nicht näher einzugrenzende Bezeichnung. Ein schwarzes Brett ist zuallererst einmal ein Brett, das schwarz gestrichen ist. Ursprünglich bezog sich die Benennung auf eine Tafel in Wirtshäusern, auf der angekreidet wurde, was der einzelne Gast zu zahlen hatte. Später verstand man unter einem schwarzen Brett allgemein eine Tafel für Anschläge und Bekanntmachungen. Wenn es sich jedoch um ein bestimmtes „Schwarzes Brett“ zum Beispiel in einer Schule oder Firma handelt, das heutzutage gar nicht mehr schwarz und nicht mehr aus Holz zu sein braucht, schreiben wir groß: Die genaue Urlaubsregelung wird am Schwarzen Brett angeschlagen werden, nämlich an der bekannten Tafel links vom Eingang im Erdgeschoss.

Es gibt nur einen "Heiligen Abend" – aber viele gelbe Karten

Wir werden am 1. Januar zwar ein neues Jahr beginnen, aber das erleben wir alle Jahre wieder. Das ist nichts Besonderes und nichts Einmaliges. Deshalb sollten Sie Ihren Freunden ein gutes, gesundes „neues Jahr“ korrekterweise mit kleinem „n“ wünschen. Es gibt viele Abende im Jahr, aber nur einen einzigen und deshalb großgeschriebenen „Heiligen Abend“ am 24. Dezember. Falls Sie als Erster an einen Unfallort kommen, leisten Sie „erste Hilfe“, bis der Rettungswagen eintrifft. Wenn Sie diese Erstversorgung jedoch fachlich lernen wollen, belegen Sie einen Kursus in „Erster Hilfe“. Es gibt viele gelbe Karten, aber nur spezielle Gelbe Karten, die der Schiedsrichter aus der Brusttasche zieht und dem Fußballspieler vor die Nase hält. Klein schreibt man das große Latinum, den italienischen Salat, den westfälischen Schinken oder die russischen Eier. Ihre Kinder besuchen eine technische Universität, studieren aber an der Technischen Universität Berlin. Ein Runder Tisch ist ein Kreis gleichberechtigter Personen, die nicht unbedingt an einem runden Tisch sitzen müssen.

Wenn mich eine Fliege, die den Chemieangriff des Bauern überlebt hat, zu Hause beim Schreiben dieser Kolumne ärgert, so handelt es sich um eine ganz gemeine Stubenfliege. Es gibt viele solcher Biester, als Art sind sie jedoch ein Unikat. Deshalb schreibt man die Art der Gemeinen Stubenfliege groß, wobei „gemein“ zoologisch natürlich „keine besonderen Merkmale habend“ bezeichnet. Elisa hat im Zoo einen „Roten Milan“ gesehen, einen Vertreter der Art Milvus milvus (Gabelweihe). Wenn sie einen „roten Milan“ gesehen hätte, wäre sie einem Vertreter der Gattung Milvus (Milan) begegnet, der zufällig rot gefiedert war.

Post an den Kolumnisten: deutschstunde@t-online.de