Meinung
Leitartikel

Hamburgs Sommer der Architektur ist ein Glücksfall

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: Andreas Laible

Eine Branchenschau der anderen Art: Drei Monate rückt die Stadt in den Mittelpunkt.

„Die Krankheit unserer heutigen Städte und Siedlungen ist das traurige Resultat unseres Versagens, menschliche Grundbedürfnisse über wirtschaftliche und industrielle Forderungen zu stellen.“ Der Satz stammt von Walter Gropius, dem wohl bekanntesten deutschen Architekten und dem Gründer des Bauhauses, das 2019 sein 100. Jubiläum feiert. Auch wenn der Satz mehrere Jahrzehnte alt ist, seine Gültigkeit hat er nicht verloren.

Und doch gibt es Hoffnung: Vielleicht erstmals seit Jahrzehnten sind Architektur und Stadtentwicklung keine Debatten mehr für den Elfenbeinturm, sondern buchstäblich auf der Straße angekommen. Es sind keine Fragen einer informierten Minderheit mehr, sondern einer interessierten Mehrheit. In einer Intensität wie vermutlich nie zuvor wird über den Denkmalschutz von prägenden Bauten wie dem City-Hof gestritten, wird über Neubauten wie dem Paloma-Quartier auf St. Pauli diskutiert oder über die Erweiterung und Verdichtung Hamburgs von Ottensen bis Oberbillwerder debattiert.

Die Stadt ist Lebensraum, sie gehört den Bürgern

Auch wenn mancher Widerstand von eigenen Interessen motiviert zu sein scheint – es liegt im Interesse aller, um die beste Lösung zu ringen. Das mag anstrengend sein, am Ende aber ist es meist lohnenswert, Kompromisse zu wagen. Die Stadt ist eben kein Reißbrett, sondern ein Zuhause, kein Architekturzoo, sondern Lebensraum, sie gehört den Bürgern, nicht den Renditejägern.

Da ist ein „baukulturelles Festival“ wie der nun beginnende Hamburger Architektursommer ein Glücksfall – erst recht, wenn diese Veranstaltung 25 Jahre alt wird und der 100. Geburtstag des Bauhauses 2019 noch hinzukommt. Mehr als 250 Veranstaltungen nähern sich in der dreimonatigen Reihe in Diskussionen und Filmen, Stadtrundfahrten und Installationen der Kunst des Bauens. Die Initiatoren sprechen nicht ohne Stolz von einer großen „baukulturellen Bürgerinitiative“, um die andere Metropolen Hamburg beneiden und die europaweit ihresgleichen sucht.

Architektur geht alle an

An den unterschiedlichsten Orten treffen Laien auf Experten, Planer auf Betroffene, Architekten auf Kritiker. Und aus dem Dialog kann mehr Verständnis erwachsen: Verständnis für die Wünsche der Bürger einerseits – und Verständnis für die Probleme der Architekten andererseits. Längst hat ein kompliziertes Regelwerk mit maximalen Anforderungen zu Tritt-, Schall- und Brandschutz oder der Energieeinsparverordnung eine kreative Profession wie in einem Schraubstock eingezwängt.

Der Architektursommer eröffnet Horizonte – er schärft den Blick für das Gewachsene und die Sensibilität für das zu Schaffende. Der Sprung über die Elbe, der ambitionierte neue Park „Horner Geest“ oder die Möglichkeiten alter Industriedenkmäler wie des Bille-Kraftwerks rücken ein paar Stunden oder gar Wochen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Das dürfte die Debatte beleben. Weil die Veranstaltungen nicht kuratiert sind, zeigt sich die ganze Vielfalt Hamburger Baukunst und Hamburger Baukünstler: mal anarchisch, mal gediegen, mal nüchtern, mal schräg.

Der Architektursommer bewegt die Stadt und die Gesellschaft – und aus dieser Bewegung können Gesellschaft und Stadt wachsen. Es passt perfekt, dass das Hamburger Bauforum, das neue Einfälle für die Ausfallstraßen sucht, den Architektursommer im August abschließt.

Der österreichische Architekt Adolf Loos schrieb 1910 in einem Essay: „Das Haus hat allen zu gefallen. Zum Unterschiede zum Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat. Das Kunstwerk ist eine Privatangelegenheit des Künstlers. Das Haus ist es nicht.“ Architektur geht alle an – der Architektursommer auch.