Meinung
Leitartikel

Angela Merkel – jetzt wird es persönlich

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible / HA

Warum niemand vorhersagen kann, wie die Nachfolge-Wahl bei der CDU ausgeht. Und wen die SPD favorisiert.

Heute ist ein Festtag für die Demokratie! Diese Feststellung stammt vom Abendblatt-Kolumnisten und Merkel-Biografen Hajo Schumacher, aber das macht sie nicht schlechter. So wie die Wahl des oder der neuen CDU-Vorsitzenden müsste Politik immer sein. Spannend bis zum Schluss, unberechenbar, ein Erlebnis, das zum Glück nicht nur Journalisten kribbelig macht. Wann hat es das zuletzt gegeben, dass sich selbst Experten nicht trauen, einen Tipp abzugeben, wer Nachfolger von Angela Merkel wird?

Alles kann passieren, eine kluge Rede der Kandidaten kann die Wahl genauso entscheiden wie der Auftritt eines anderen hochrangigen Politikers. Und niemand kann vorhersagen, wer am Ende jubelt - und erst recht nicht, wie es danach weitergeht. Für die CDU und für Deutschland.

Warum die SPD auf Merz hofft

Denn die Wahl ist ja nicht nur deshalb so spannend, weil es um den Chef oder die Chefin der erfolgreichsten deutschen Volkspartei geht. Die Wahl erfährt ihren Reiz aus den Folgen, die sich für die gesamte Republik ergeben: Wer Merkels Nachfolger wird, kann nicht nur über das Schicksal der CDU entscheiden, sondern auch über die Zukunft von SPD und AfD.

Gerade bei den Sozialdemokraten, in Umfragen zur viertstärksten Kraft des Landes abgerutscht, wird man darauf hoffen, dass der nächste CDU-Vorsitzende Friedrich Merz heißt. Gegen den könnte sich die SPD viel leichter abgrenzen, gegen den ließe sich deutlich besser Politik machen als gegen Annegret Kramp-Karrenbauer. Gewinnt die Saarländerin, verlöre die SPD. Bei der Alternative für Deutschland ist es genau umgekehrt. Friedrich Merz hat nicht nur mehrfach angekündigt, die Umfrage- und Wahlergebnisse der AfD halbieren zu wollen – es ist ihm auch zuzutrauen.

Allein der Wechsel von Merkel auf Merz würde die AfD und den Kern ihrer Strategie schwächen. Bisher hat die Partei bestens von und mit dem Feindbild der „Wir-schaffen-das-Kanzlerin“ gelebt. Ist die weg und kommt mit Merz der Mann der „deutschen Leitkultur“, der Merkels Flüchtlingspolitik für einen Fehler hält, gerät das Geschäftsmodell der AfD ins Wanken. Annegret Kramp-Karrenbauer könnte man aus AfD-Sicht dagegen leicht als neue Merkel, als Fortsetzung der bisherigen Politik mit einem neuen Gesicht verkaufen.

Abgeordnete könnten Kramp-Karrenbauer favorisieren

All das sind Gedanken und Überlegungen, die in die Entscheidung der 1001 Parteitagsdelegierten einfließen werden. Genau wie viele andere Fragen: Was bringt der oder die neue CDU-Vorsitzende bei der nächsten Europa- oder Bundestagswahl? Kann er oder sie Kanzler (laut Umfragen würde Merz aktuell gegen einen SPD-Kandidaten Olaf Scholz verlieren)? Braucht die nach wie vor männerdominierte CDU nach 18 Jahren Merkel einen Mann an der Spitze? Oder lässt sich nur mit einer Frau das Bild einer modernen Partei aufrechterhalten?

Am Ende werden es vor allem persönliche Interessen sein, die die Delegierten die genannten Fragen mal so und mal so beantworten lassen. Bundestagsabgeordnete dürften ein Interesse daran haben, dass es nicht so schnell zu Neuwahlen kommt - das könnte für Kramp-Karrenbauer sprechen. Abgeordneten aus Landtagen dürfte dagegen wichtiger sein, dass die CDU bei anstehenden Wahlen, zum Beispiel in den neuen Bundesländern, Schub aus Berlin erhält. Das wäre eher ein Argument für Merz.

Spannender geht es nicht. Und sicher sein können sich sowohl Annegret Kramp-Karrenbauer als auch Jens Spahn und Friedrich Merz nur einer Stimme: der eigenen.