Meinung
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Leitartikel

Das Dauerchaos bei Ryanair muss enden

Abendblatt-Wirtschaftsressortleiter Oliver Schade

Foto: HA / Andreas Laible

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Es steht außer Frage, dass Michael O’Leary die zivile Luftfahrt revolutioniert hat. Der Gründer und Chef von Ryanair hat dafür gesorgt, dass Fliegen für die breite Öffentlichkeit erschwinglich geworden ist. Dabei kann man durchaus geteilter Meinung darüber sein, ob es sinnvoll ist, für eine Handvoll Euro am Wochenende von Hamburg nach London fliegen zu können – vor allem mit Blick auf ökologische Aspekte. Doch aus Sicht vieler reisefreudiger Passagiere mit kleinem Budget und der Städte, die von den Billigflug-Touristen wirtschaftlich profitieren (übrigens auch Hamburg), gibt es keine zwei Meinungen: Der von Ryanair losgetretene Preiskampf, durch den auch die Tickets bei der Lufthansa und anderen Premiumgesellschaften deutlich billiger geworden sind, erfreut sie. Zumindest bis vor Kurzem war das so.

Denn Ryanair konnte seine Passagiere nicht nur mit niedrigen Preisen überzeugen. Die Iren waren auch für ihre Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit bekannt. Nach fast jeder Landung ertönte eine viel zu laute und leicht nervende Fanfare aus Lautsprechern, die den Gästen an Bord signalisierte: Wir waren wieder pünktlich! Mittlerweile sind die Passagiere froh, wenn sie überhaupt in dem von ihnen gebuchten Ryan­air-Flieger Platz nehmen können. Denn innerhalb von zwei Monaten findet am heutigen Mittwoch der zweite 24-Stunden-Streik des Ryanair-Personals statt. Wie bereits am 10. August werden auch heute wieder Tausende Passagiere ihr Ziel nicht wie geplant erreichen, auf alternative Verkehrsmittel ausweichen oder die komplizierte Umbuchungsmaschinerie des dürftigen Ryanair-Services (lange Telefonwarteschleifen inklusive) in Gang setzen müssen. Hinzu kommen in fast allen Fällen zum Teil hohe Zusatzkosten, denn Hotelübernachtungen oder die Tickets für Bus und Bahn erstatten die Iren ihren Kunden nicht.

Die Gründe für die Streiks und offen ausgetragenen Streitigkeiten sind stets dieselben: Piloten und Stewardessen klagen über schlechte Bezahlung, unmögliche Arbeitszeiten und weisen sogar auf Sicherheitsrisiken hin. Es wird Zeit, dass der Ryanair-Chef diese Probleme endlich löst. Denn die Lorbeeren der von ihm gestarteten Preisrevolution sind längst vertrocknet. ­Billig von A nach B fliegen können Kunden längst auch mit vielen konkurrierenden Fluggesellschaften. O’Leary sollte nicht zulassen, dass sein Unternehmen untrennbar mit der Eigenschaft „unzuverlässig“ verbunden wird. Denn jeder Kunde, der wegen eines Streiks bei Ryanair seinen Termin nicht pünktlich erreichen konnte oder den Urlaub verspätet antreten musste, dürfte seinen nächsten Flug bei einer konkurrierenden Airline buchen.

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O’Learys Hinhaltetaktik ist gescheitert. Er muss jetzt liefern – auch beim deutschen Personal. Langfristige Tarifverträge mit in der Branche vergleichbaren Gehältern für Piloten und Kabinenpersonal sind eine zwingende Notwendigkeit. Der umtriebige, für verrückte Ideen (Stehplätze im Flugzeug, Toilettengebühren) und wilde Grimassen bekannte Manager ist nicht mehr nur als Marketingmaschine, sondern als seriöser Arbeitgeber gefragt. Handelt O’Leary nicht schnell, könnte ihm seine Sturheit am Ende selbst zum Verhängnis werden. Er wäre nicht der erste Revolutionär in der Geschichte, der am Ende als Verlierer dasteht.

Fakt ist: Bessere Arbeitsbedingungen und zuverlässiges Personal kosten Geld. Und beides wird auch die Tickets bei Ryanair verteuern. Fest steht aber auch: Die Kunden zahlen lieber ein paar Euro mehr, als das Dauer-Chaos bei Ryanair noch länger zu ertragen.