Meinung
Meine wilden Zwanziger

Jetzt mal im Ernst: Wo bleibt der Spaß?

Wenn in der Tennis-Freizeitliga Spielerinnen aus dem Ausland eingeflogen werden, stimmt etwas nicht mehr mit dem Sport

Vor Kurzem habe ich auf der Suche nach einem neuen Hobby einen kuriosen Sportwettkampf entdeckt: die Weltmeisterschaft im Grimassenschneiden. Jedes Jahr im September fliegen Menschen aus der ganzen Welt zu den „World Gurning Championships“ nach Egremont an der Nordwestküste Englands. Die Teilnehmer stecken ihren Kopf durch ein Pferdegeschirr, knurren wie Hunde und verziehen das Gesicht. Das Hässlichste gewinnt. Hilfsmittel sind verboten – abgesehen von falschen Zähnen, die sind okay.

Der Brite Tommy Mattinson ist mit 15 Titeln der erfolgreichste Fratzenschneider aller Zeiten. Der Weltmeister durfte sogar vor Queen Elizabeth II. mit seiner Siegergrimasse (aufgepusteten Wangen, gerümpfter Nase und schielenden Augen) posieren. Ja, selbst die Teilnehmer dieses Wettbewerbs sind ehrgeizig und wollen gewinnen. Im Vordergrund steht allerdings etwas anderes, das dem Sport zunehmend abhandenkommt: der Spaß.

Seit einigen Wochen denke ich darüber nach, meinen Tennisschläger im Schrank verstauben zu lassen. Tschüs, alter Freund! Was man dazu wissen sollte: Eigentlich liebe ich diesen Sport. In meiner Mannschaft werden Abstiege und Klassenerhalte genauso gefeiert wie Aufstiege. Am Tresen sind wir unschlagbar. Unser Motto: Hauptsache, wir haben Spaß.

Doch in der laufenden Sommersaison lächeln einige unserer Gegner auf dem Tennisplatz ungefähr so oft wie britische Wachmänner vor dem ­Bucking­ham Palace. Nämlich gar nicht. In einer besseren Freizeitliga werden Spielerinnen extra aus dem Ausland eingeflogen. Junge Mädchen, manche nicht älter als 13 Jahre, werden von Eltern, Trainern und Mitspielern zum Sieg gepusht. Sie haben den großen Traum, später einmal Profi wie ihre norddeutschen Vorbilder Angelique Kerber, Julia Görges und Mona Barthel zu werden. Nicht selten brechen sie unter dem Druck zusammen.

Fakt ist: Auch im Breitensport geht es schon lange nicht mehr nur um die Freude. Sei es im Fußball, Handball oder eben Tennis. Jedes Match ist ein Kampf gegen den Gegner – vor allem aber gegen sich selbst. Gern völlig humorlos.

Natürlich: Wer verliert schon lieber, als zu gewinnen? Ich jedenfalls nicht. Ein gesunder Ehrgeiz kann definitiv nicht schaden. Wer in seiner Freizeit ambitioniert Sport treibt, lernt automatisch, auch im Job mit hohen Erwartungen von anderen und sich selbst umzugehen. Aber der Grat ist schmal.

Fußball-Weltmeister Per Mertes-acker hat wenige Sekunden vor dem Anpfiff der Brechreiz gepackt. Inmitten von brüllenden Fans. Wissend, dass er die nächsten 90 Minuten wieder alles geben muss. Im „Spiegel“ hat der 33-Jährige erzählt, was der Druck jahrelang in ihm ausgelöst hat. Als Deutschland 2006 das WM-Halbfinale gegen Italien verloren hat, dachte er nur: „Endlich ist es vorbei.“

Das Phänomen kennen nicht nur Profisportler. Selbst in der 3. Bezirksklasse der Damen 40 fangen Tennisspielerinnen vor dem ersten Ballwechsel vor Nervosität an zu zittern. Warum? Wieso haben wir so große Angst vor Niederlagen? Was soll uns schon passieren?

Nicht durch Zufall wird der „Tough Mudder“-Trend aus den USA überall auf der Welt immer beliebter. Bei dem Hindernislauf gibt es keinen Sieger, kein Preisgeld, keinen Druck – dafür jede Menge Matsch und Spaß. Es geht darum, im Ziel anzukommen. Gemeinsam. Ohne tickende Uhr im Hinterkopf.

Wildfremde Menschen helfen sich gegenseitig über Hindernisse, krabbeln im Schlamm unter Stacheldrahtzäunen durch und liegen sich anschließend in den Armen. Ein pures Glücksgefühl. Bitte mehr davon.

Das ist es, was den Breitensport so faszinierend macht. Einige Amateure können sich über den Aufstieg von der Fußball-Kreisliga in die Bezirksliga mehr freuen als der FC Bayern über den Gewinn der deutschen Meisterschaft.

Für mich steht fest: So verlockend es auch ist – zur Weltmeisterschaft im Grimassenschneiden in Egremont werde ich wohl nicht reisen. Dafür hänge ich zu sehr an meinem Hobby. Und wer weiß, vielleicht haben bald auch die Nachwuchscracks das Wesentliche am Freizeitsport wiederentdeckt: den Spaß.

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