Meinung
Deutschstunde

Recht zur Rechtschreibung ist recht und billig

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Orthografie: Die Hamburger Schüler sollen wieder lesen und schreiben lernen – eine wahrhaft geniale Idee.

Bis zum „P“ war’s richtig, aber dann ging der Schuss daneben. Der vor einer Woche von mir zitierte Titel „Die Wasser der Hügel“ stammt nicht von Marcel Proust, sondern von Marcel Pagnol. Ich danke für die zahlreichen Hinweise. Abendblatt-Leser sind eben auch in der französischen Literatur bewandert, ich diesmal weniger. Man soll nicht mit dem linken Auge Fußball gucken, wenn man Kolumnen schreibt. Das mit dem Fußball ist ja nun vorbei, und ich verspreche, in Zukunft jedes Mal nachzuschlagen, ob der „Faust“ wirklich von Goethe und nicht etwa doch von Schiller ist. Ich überlegte, ob ich nun zurücktreten müsse, ließ es aber bleiben, um Löw oder Seehofer nicht die Schau zu stehlen.

Als Nachklapp zu meinem „Diktat“, das wider Erwarten zu einem publizistischen Erfolg geraten war, ging es um die Frage, ob „das Wasser“ im Deutschen einen Plural hat. Der Plural ist vorhanden, wenn die Wasser auch eine andere Wortbedeutung haben (die Wassermassen). Der Plural darf sogar als die Wässer umgelautet sein, aber dann haben wir es entweder mit sündhaft teuren Duftwässern in Mogelpackungen oder mit angeblich so gesunden Mineralwässern zu tun.

Marcel Pagnol hat als Franzose natürlich französisch geschrieben. Der Originaltitel seines Romans lautet „L’Eau des collines“, und im Französischen ist l ’eau („das Wasser“) ein Singularetantum, ein Wort ohne Plural. Die deutsche Übersetzung klingt zwar überaus wasserhaltig, aber nicht werkgetreu.

Man könnte meinen, die Schule werde neu erfunden

Zwischen all den schlimmen Meldungen über Löw, Merkel, Seehofer und Trump gab es in Hamburg eine Mitteilung, die mich richtig froh machte und frischen Lebensmut gab: Die Schüler der Hansestadt sollen in der Schule wieder lesen und schreiben lernen! Das ist genial, auf solch einen Gedanken muss man erst einmal kommen! Lesen und Schreiben in der Schule, ab und zu ein Diktat und die Grundlagen der Rechtschreibung im Unterricht statt ideologisch verquaster Irrwege – man könnte meinen, die Schule werde neu erfunden, obwohl sie so bereits vor Jahrhunderten erfunden worden ist. Soweit ich das von außen beurteilen kann, ist Schulsenator Ties Rabe (SPD) schuldlos am orthografischen Chaos der Hamburger Schüler. Offenbar bemüht er sich, den didaktischen Schutt seiner Vorgänger*innen wegzuräumen.

Die Rechtschreibung ist eine Richtig-Schreibung der Wörter nach der zurzeit gültigen und letztlich von der Kultusministerkonferenz genehmigten Norm. Der Duden setzt diese Norm seit 1996 nicht mehr fest, er gibt sie nur wieder. Vielleicht sollten wir die Rechtschreibung mit der Schreibweise der Formen recht oder Recht (laut Duden) beginnen.

Klein schreibt man das Adjektiv zum Beispiel in rechter Hand; ein rechter Winkel; jemandes rechte Hand sein; beziehungsweise das Adverb: jetzt erst recht; das ist mir durchaus recht; es geschieht ihm recht; es ist recht und billig; alles, was recht ist. Groß schreibt man dagegen die Substantivierung der, die, das Rechte zum Beispiel in: Du bist mir der Rechte. Sie ist an die Rechte gekommen. Sie ist die Rechte. Ich habe das Rechte getroffen. Du musst nach dem Rechten sehen. Er kann/weiß nichts Rechtes.

Nur klein schreibt man: Sie haben ja so recht!

Groß schreibt man auch das Sub­stantiv das Recht zum Beispiel in mit/ohne Recht, von Rechts wegen, nach Recht und Gewissen, zu Recht bestehen, Recht finden, sprechen, suchen, ein Recht verleihen, geben, im Recht sein, ein Recht haben. Klein oder groß kann man schreiben: Sie wird recht bekommen (Recht bekommen), recht behalten (Recht behalten); ich muss ihm recht geben (Recht geben). Sie könnten recht haben (Recht haben); du hast recht (Recht) daran getan.

Empfohlen wird die Kleinschreibung (recht), womit nicht gesagt werden soll, dass das deutsche Recht keinen Großbuchstaben mehr verdient hat. Nur klein schreibt man: Sie haben ja so recht!

Das alte Adverb zurecht tritt heute nur noch als Verbzusatz auf: sich zurechtfinden, zurechtkommen, zurechtlegen, zurechtsetzen, zurechtweisen. Aber in der eigentlichen Bedeutung als Substantiv: Alle diese Regeln bestehen zu Recht.

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