Meinung
Leitartikel

So kann man von den Umweltverbänden lernen

Der Autor ist Redakteur in der Lokalredaktion beim Abendblatt

Der Autor ist Redakteur in der Lokalredaktion beim Abendblatt

Foto: HA

Parteien und Kirchen müssen umdenken, um engagierte Bürger für sich zu gewinnen.

Früher, heißt es oft, war alles besser. Die Biografien vieler Menschen waren gerade in ländlichen Räumen von der Wiege bis zur Bahre vorgezeichnet: Taufe, Konfirmation, Lehre, Brotberuf, Hochzeit, Familie mit Kindern und – gerade bei Männern beliebt – Ehrenämter in Kirchen, Parteien und Vereinen prägten das Leben.

Heute ist alles anders – in der Stadt wie auf dem Land. Die Modernisierung hat den Alltag radikal verändert und damit auch die Teilhabe der Bürger an demokratischen Institutionen und den jahrhundertealten Kirchen.

Was stiftet heute noch eine Öffentlichkeit, die alle angeht?

Der radikale Wandel begann mit dem weltweiten Seehandel zu Beginn der Neuzeit und reicht von der Elektrifizierung bis zur gesteigerten Mobilität und Digitalisierung in der Gegenwart. Sichtbarste Geste dieser schönen, neuen Welt ist der stete Blick der digitalen Nomaden auf ihre Smartphones. Mit dem Daumen steuern sie Weltwahrnehmung und Kommunikation.

Wer heute lebt, muss sich in pluralen Gesellschaften permanent entscheiden. Es gibt so viele Informationen und so viele Möglichkeiten in so vielen Ländern. Religionssoziologen wie der jüngst verstorbene Peter L. Berger sprechen vom „Zwang zur Häresie“, also dem ständigen Imperativ, etwas auszuwählen. Die Qual der Wahl ist zur Signatur der Moderne geworden. Dazu kommt, dass ein Großteil der freien Zeit, die der Mensch durch die Industrialisierung gewonnen hat, mit der Mediennutzung verbracht wird – sei es abends auf dem Sofa vor dem TV oder in jeder freien Minute mit den digitalen Endgeräten.

Längst ist die Gesellschaft so stark individualisiert, dass es die eine große Öffentlichkeit nicht mehr gibt. Nur noch Fußballspiele und im schlimmsten Fall Terroranschläge und Katastrophen stiften eine übergreifende Öffentlichkeit, quer durch alle sozialen Netzwerke, Generationen und sozialen Milieus.

Was Kirchen, Gewerkschaften, Parteien gemein haben

Die Verlierer dieser Entwicklung sind Institutionen wie Kirchen, Gewerkschaften oder Parteien. Dinosaurier aus längst vergangenen Zeiten. Einst schwerfällige Riesen, haben sie in den vergangenen Jahrzehnten Zehntausende Mitglieder verloren. Ursache dafür ist eben jene Modernisierung. Sie lässt die Bereitschaft der Bürger schwinden, sich langfristig fest zu binden. Sitzungen im Kirchengemeinderat bis 23 Uhr? Landesparteitage an einem freien Sonnabend? Gewerkschaftsseminare in der Lüneburger Heide?

Wer beruflich fast immer online sein muss, der will wenigstens in seiner knapp bemessenen Freizeit offline sein. Selbst Segelvereine bekommen diese Entwicklung zu spüren: Flaute bei jungen Mitgliedern. Damit die Demokratie lebendig und wehrhaft bleibt, bedarf es aber engagierter Bürger. Auch Religion ist für den Kitt der Gesellschaft notwendig, weil sie Werte repräsentiert, Antworten auf die Sinnfrage gibt und zur Heilsvermittlung beiträgt.

Kirchen stehen wie Parteien und Gewerkschaften vor der Aufgabe, sich diesem Strukturwandel anzupassen. Vorbilder könnten die Umweltverbände sein. Sie sind bei den Hamburgern deshalb so attraktiv, weil sie eine Vielzahl zeitlich befristeter Projekte anbieten, die Lebens- und Zukunftsthemen betreffen. Der Schutz der Elbmarschen und der heimischen Schachbrettblume vor der eigenen Haustür ist für manche eben wichtiger als der Parteienstreit um den Familiennachzug. Erst wenn die Dinosaurier der tradierten Institutionen flexibler werden, Hierarchien abbauen und punktuelle Mitgliedschaften ermöglichen, könnten sie neue Mitstreiter gewinnen.