Meinung
Kommentar

Mehr Anstand auf den Straßen, bitte!

Lars Haider
Der Autor ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Der Autor ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible / HA

Im Auto sind viele Menschen nicht wiederzuerkennen

Ist es zu viel verlangt, wenigstens einen kleinen Zettel mit Namen und Handynummer an der Windschutzscheibe zu hinterlassen, wenn man beim Ausparken das Auto eines anderen beschädigt hat? Natürlich nicht! Eigentlich müsste der Schuldige warten, bis der Eigentümer des Fahrzeugs kommt, oder er müsste die Polizei rufen. Aber weder das eine noch das andere geschieht bei jedem vierten Unfall in Hamburg, und das ist so ärgerlich wie beschämend. Dass es darüber hinaus Autofahrer gibt, die Menschen verletzen und liegen lassen, ist schlicht ein Verbrechen. Was geht in ihren Köpfen vor? Wie kann man sich aus dem Staub machen im Bewusstsein, dass jemand zurückbleibt, der dringend Hilfe braucht – und dass man sich gerade doppelt schuldig macht?

Das Verhalten im Straßenverkehr sagt viel über den Zustand einer Gesellschaft aus. Wer in einem Auto sitzt, neigt dazu, Verhaltensweisen zu zeigen, die man außerhalb des Fahrzeugs nicht von ihm erwarten würde. Das beginnt beim Pöbeln und Stinkefinger-Zeigen, geht weiter bei Streitereien um Parkplätze und endet bei Unfallflucht beziehungsweise dem mindestens so widerlichen Gaffen an Unfallorten. Was macht das Auto aus den Menschen, dass sie im Vorbeifahren zu Straftätern und Voyeuren werden? Wieso ist der Respekt vor anderen Verkehrsteilnehmern so klein? Warum filmen wir das Leid anderer auch noch mit dem Smartphone?

Es ist höchste Zeit, auf den Straßen abzurüsten und sich abzuregen. Und wenn man einen Unfall verursacht hat: nicht weglaufen, für Schäden aufkommen, Hilfe anbieten! Einfach, weil es sich so gehört. Gerade in Hamburg, einer Stadt, in der Anstand eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

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