Meinung
Hunde-Kolumne

Treffpunkt Park – doch die Halter bleiben anonym

Beim Spaziergang haben Labradoodle Frieda und ihr Herrchen viele nette, aber nur flüchtige Begegnungen

Gehen zwei Menschen durch eine Grünanlage und rufen sich aus einiger Entfernung Folgendes zu: "Meine ist läufig." Antwort: "Meine ist auch ein Mädchen."

Das soll jetzt kein Witz sein, sondern ein typischer Dialog, den man als Hundehalter unterwegs oft hören kann. Seit ich mit Frieda frühmorgens dauernd im Park unterwegs bin, lerne ich nicht nur Büsche und Bäume besser kennen, sondern ich fühle mich immer stärker als Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft, die mir in meiner Vor-Frieda-Zeit nie aufgefallen war. Da stehen sie wieder zusammen: Tonis Frauchen, Sams Herrchen und noch ein paar andere. Die Hunde verknäueln sich vergnügt ineinander oder pesen als Fellknäuel über die Freilauffläche.

Zeit für die Halter, sich mit Small Talk zu entspannen. Allerdings – das muss klar sein – geht es dabei auch wieder fast ausschließlich um Themen wie Hundeschule ("Bei wem waren Sie?") Tierarzt ("Der? Kann ich nur von abraten") und natürlich die Tiere selbst. Manchmal erinnern mich diese netten Menschen an Eltern, die sich vor den Schulen über ihre hochbegabten Kinder unterhalten. Jeder der nach meinem Eindruck völlig unspektakulär wirkenden Vierbeiner ist ein kleines Genie, kann irgendetwas ganz besonders gut und auch viel schneller als andere. Alle sind lieb, schlau und pflegeleicht – genau das erzähle ich ja auch immer von meiner Frieda. Die hört bei den Gesprächen manchmal mit gespitzten Ohren zu und guckt, als wolle sie sagen: Irgendwie seid ihr Menschen doch alle ein bisschen verrückt.

Alleine zu der Frage Leine oder Brustgeschirr kann man sich stundenlang austauschen – und dabei sogar eine Menge lernen. Überhaupt: dieser Lerneffekt. Einst kannte ich Schäferhund, Pudel, Dackel und Spitz (gibt's den eigentlich noch?), heute kann ich schon lässig Malteser und Havaneser voneinander unterscheiden und weiß sogar, wie man Vizsla schreibt. Bolonka und Briard hätte ich noch vor ein paar Jahren für eine Fleischsuppe und einen französischen Käse gehalten, nun bin ich "voll im Thema". Und dann diese vielen geretteten Hunde ohne Züchternachweis und Ahnenpass. Unzählige sind das, vor allem wohl aus Griechenland. Hat man die vor der dortigen Finanzkrise in Sicherheit gebracht, um nun hier die Hundesteuer zu zahlen? Scherz beiseite. Alles kann man bei so viel permanentem Input nun wirklich nicht lernen und behalten.

Als eine Dame mir neulich zuflüsterte, dass ihre Hündin "leider" eine Alpha-Rüdin sei, nickte ich verständnisvoll – um dann zu Hause schnell nachzugucken, was es denn damit noch mal auf sich hat. Ich verschätze mich auch nach wie vor dauernd. "Du bist aber schon alt", sagte ich neulich ganz mitleidig zu einem kleinen Hund, der sich einen Hügel hinaufschleppte. "Genau drei Jahre", kam die schnippische Antwort der Halterin, die mich dann auch keines weiteren Blickes mehr würdigte. Bei Menschen, das zum Trost, vertue ich mich da auch immer, aber das interessierte das strenge Frauchen vermutlich nicht. Frieda sind solche Begegnungen ohnehin völlig egal. Die erkennt alte Freunde immer sofort und spielt auch gerne mit neuen.

"Da kommt ja Bonnies Frauchen", meinte einer vor ein paar Tagen, und jemand anderes sinnierte: "Ronjas Herrchen war ja wohl lange krank." Fällt Ihnen etwas auf? Alle kennen immer jeden Hundenamen, wirklich jeden. Aber wie die dazugehörenden Halter heißen, bleibt völlig unbekannt. Daran musste ich mich auch erst gewöhnen. Man steht mit flüchtigen Bekannten zusammen, plaudert lange und geht dann wieder als flüchtige Bekannte auseinander. Monatelang geht das so, manche "kennen" sich sogar Jahre. Wollen Hundehalter anonym bleiben? Vielleicht nicht bewusst. Der Punkt ist wohl eher, dass hier im Park nun mal die Hunde im Mittelpunkt stehen. Und bei denen reicht es ja auch, dass sie sich wiedertreffen und gerne Zeit miteinander verbringen. Die brauchen sich ja auch nicht namentlich vorzustellen, und ihre Halter (Achtung, Wortspiel) halten das eben genauso.

Bin gespannt, welche dramatischen Geschichten und wertvollen Tipps ich morgen im Park zu hören bekomme.

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