Meinung
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Ein hausgemachtes Drama

Die Vorgänge in der Autoindustrie schädigen den Ruf einer ganzen Industrienation

Wo soll das bitte enden? Bei der deutschen Vorzeigeindustrie Automobilbau hageln die schlimmen Nachrichten schneller rein, als neue Golf in Wolfsburg vom Band rollen. Noch mehr Dieselrückrufe bei VW, Schummel-Motoren bei Porsche, Kartellvorwürfe – seit gestern ist auch Weltmarktführer Bosch unter Verdacht. Wer in den Vorstandsetagen der Autokonzerne vor Kurzem noch dachte, „schlimmer kann es eigentlich nicht kommen“, hat sich gewaltig getäuscht.

Die ganze Affäre ist längst viel mehr als nur ein tiefer Kratzer im Image der Automobilindustrie. Sie schädigt mittlerweile den Ruf des gesamten Industriestandortes Deutschland – und gefährdet Arbeitsplätze, Exportchancen und den Ruf von technischen Produkten „Made in Germany“.

Das ganze Drama ist selbst verschuldet durch Konzernchefs, die sich für Götter hielten, und staatliche Aufsichtsbehörden, die blauäugig an sie glaubten. Jetzt hilft nur noch das alte Chirurgen-Motto: „Ganz tief schneiden.“ Das hektische Auswechseln von Vorständen aus der zweiten Reihe wird sicher nicht reichen, um solch eine Vertrauenskrise zu beenden.

Auch wenn die Verbraucher zu Recht wütend sind, ist es dennoch richtig, bei der Kritik nicht das Maß zu verlieren. Zu viel steht auf dem Spiel: Vier Millionen Arbeitsplätze hängen am deutschen Automobilbau – und in der Debatte um Dieselgate sind auch diejenigen aktiv, die das Auto schon lange aus ideologischen Gründen weghaben wollen. Schlimm genug, dass ihnen jetzt ausgerechnet die Hersteller die Argumente dafür liefern. Auch der ausländischen Konkurrenz ist das deutsche Scherbengericht hochwillkommen. Dass die Deutsche Umwelthilfe, ein Hauptaktivist in der Diesel-Debatte, auch von VW-Konkurrent Toyota Geld nimmt, ist in diesem Zusammenhang mehr als bemerkenswert.

Was können die Hersteller jetzt also tun, um den Ruf ihrer Produkte, die ohne Schummelei die Grenzwerte einhalten, zu retten?

Ganz sicher können sie nicht weiter den Kopf in den Sand stecken und eine Informationspolitik betreiben, die ihnen die Anwälte diktieren. Die Angst vor Milliardenstrafen darf nicht dazu führen, dass man gegenüber Kunden und der breiten Öffentlichkeit schweigt und immer nur das zugibt, was zweifelsfrei nachgewiesen wurde – oder was gerade in die juristische Selbstverteidigungsstrategie passt.

Auch so zu tun, als wären die
freiwilligen Maßnahmen zur Nachrüstung ein Akt der Großzügigkeit, ist völlig fehl am Platz. Selbstverständlich müssen möglichst alle Fahrzeuge – nicht nur die mit Schummel-Software – so nachgerüstet werden, damit sie die Werte aus den Verkaufsprospekten
zumindest annähernd einhalten. Sollte es funktionieren, die Autos mit einem Software-Update umweltfreundlicher zu trimmen, stellt sich die Frage: Warum haben die Hersteller das nicht schon längst gemacht?

Offenbar waren die Entwicklungsschritte bei der Abgasreduzierung weniger interessant als die Weiterentwicklung der Wurzelholzeinlagen oder des digitalen Unterhaltungs-Schnickschnacks, der dem Kunden teuer verkauft werden kann. Es wird Zeit, dass die Hersteller auf den relevanten Feldern wieder Höchstleistungen bieten und anknüpfen an goldene Zeiten. Zeiten, in denen deutsche Ingenieurskunst mit Dreipunktgurten, ABS und Airbagsystemen für Aufsehen sorgten – und nicht mit Prozessoren, die beim amtlichen Abgastest betrügen.

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