Meinung
Leitartikel

Hungersnot in Afrika: Hamburg, hilf!

Der Welt droht die größte humanitäre Katastrophe seit 1945. Lassen Sie uns etwas dagegen tun!

Es gab in Hamburg in den vergangenen Jahren kaum ein Problem, das sich mit Ihrer Hilfe nicht hat lösen lassen. Wo immer Menschen in unserer Stadt in Not waren, standen ihnen Leserinnen und Leser des Abendblatts zur Seite. Oft mit Geld, mal mit persönlichem Einsatz. Ich behaupte: So ein selbstloses Engagement gibt es in kaum einer anderen (deutschen) Stadt.

Auch deshalb haben wir, die Redaktion des Hamburger Abendblatts, uns heute zu einem besonderen Titelblatt entschieden. Wir wissen natürlich, dass wir Hamburger allein die verheerende Hungersnot in Afrika und im Jemen nicht lösen werden. Aber wir können einen starken Beitrag leisten, und dazu möchten meine Kollegen und ich Sie heute ermuntern.

Bitte spenden Sie! Lassen Sie uns gemeinsam etwas tun, dass es nicht zu dem von den Vereinten Nationen ­befürchteten „Massensterben“ in diesem Jahr kommt. Tragen wir Hamburger, wir Norddeutschen dazu bei, dass zwei Millionen unterernährte Kinder in den Regionen dringend benötigte therapeutische Nahrung erhalten. Das können Päckchen mit Erdnusspaste sein, mit denen die Hilfsorganisationen vor Ort sehr gute Erfahrungen gemacht haben. 150 Päckchen gibt es schon für 58 Euro ...

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in einer Videobotschaft alle Deutschen dazu aufgefordert, die Hilfsorganisationen, die „Gemeinsam gegen die Hungersnot“ kämpfen, zu unterstützen. „Mit Ihrer Spende können Sie Menschenleben retten! Mit Ihrer Hilfe können wir die Hungerkatastrophe lindern!“, ruft Steinmeier den Bürgern zu.

23 Millionen Menschen sind vom Hungertod bedroht

Diesem Appell möchten wir uns an dieser Stelle und mit unseren Möglichkeiten sehr gern anschließen. Er ist gerade deshalb jetzt und in dieser Form so wichtig, weil die Krisen in Afrika und im Jemen es schwer haben, in die Schlagzeilen zu kommen. Wir alle, auch wir beim Hamburger Abendblatt, sind gefangen von dem, was in den USA passiert. Wir warten gespannt auf den nächsten Auftritt von Präsident Donald Trump. Wir schauen gebannt auf unseren wichtigsten europäischen Nachbarn Frankreich und dessen neue Lichtgestalt Emmanuel Macron. Wir beschäftigen uns mit den Briten und dem Brexit, mit dem Zustand der Europäischen Union, mit der Integration der Flüchtlinge, mit der bevorstehenden Bundestagswahl und in Hamburg mit G20.

Bei all diesen wichtigen Nachrichten bleibt, auch im Hamburger Abendblatt, zu wenig Platz für die katastrophale Lage der Menschen in anderen Regionen. Im Südsudan etwa, wo wegen des seit 2013 andauernden Bürgerkriegs nach Schätzungen von Unicef allein rund eine Million Kinder auf der Flucht sind. In Äthiopien und Kenia, wo die Menschen das dritte Jahr in Folge unter einer für uns unvorstellbaren Dürre leiden. In Nigeria, wo die islamistische Terrorgruppe Boko Haram wütet und Millionen Menschen aus ihren Dörfern vertrieben hat. Im Jemen, wo eine Cholera-Epidemie die Lage der Menschen, insbesondere der mangelernährten Kinder, weiter verschärft.

Insgesamt sind mehr als 23 Millionen Männer und Frauen, Jungen und Mädchen und vor allem viele Kleinkinder und Babys in den genannten Gegenden vom Hungertod bedroht. Das ist eine erschütternde Zahl, eine Nachricht, gegen die die meisten anderen furchtbar belanglos und klein wirken.

Deshalb haben wir all die Themen, über die wir sonst an einem Tag wie heute berichten würden, auf der Titelseite einmal weggelassen. Um in Hamburg und Umgebung die maximale Aufmerksamkeit auf eine Hilfsaktion zu richten, die uns alle angeht. Und mindestens genauso wichtig ist: bei der wir alle helfen können. Jetzt gleich. Mit jedem Spendenbetrag. Wenn jeder, der innerhalb eines Monats mit dem Hamburger Abendblatt Kontakt hat, nur einen Euro spenden würde, ­kämen immerhin rund drei Millionen Euro zusammen. Das entspricht 16.304 Paketen mit therapeutischer Spezialnahrung – und im besten Fall 16.304 geretteten ­Leben.

In wenigen Wochen treffen sich die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten und/oder größten Länder der Welt beim G20-Gipfel in unserer Stadt. Auch bei ihrer Versammlung in den Messehallen wird es natürlich um die Situation in den vom Hunger ausgezehrten Regionen gehen und um die Frage, wie die G20 helfen könnten. Um ein Argument vorwegzunehmen: Ja, allein die Hunderte Millionen Euro, die das G20-Treffen kostet, werden momentan dringender woanders gebraucht. Aber das gilt einerseits ebenso für sehr, sehr viele Steuergelder, die wir in der westlichen Welt ausgeben und die natürlich vor allem für diejenigen ausgegeben werden müssen, die sie erwirtschaften. Andererseits muss es im Interesse einer Welt sein, auf der sich die meisten Probleme nur noch gemeinsam lösen lassen, dass sich Staats- und Regierungschefs sehen und zusammenarbeiten. So gut, so weit das eben geht.

Der G20-Gipfel kommt für Menschen in Afrika und Jemen spät, aber hoffentlich nicht zu spät. Vielleicht sind die Konfrontationen zwischen den Staaten auf immer mehr Feldern der internationalen Politik sogar eine Chance, dass sich die Frauen und Männer um Angela Merkel, Donald Trump und Emmanuel Macron wenigstens bei der Bekämpfung der aktuellen Hungersnöte zu einem gemeinschaft­lichen Vorgehen entschließen können.

Die Welt ist schon lange aus den Fugen geraten

So oder so: Wir in Hamburg, als G20-Gastgeber, sollten ein Zeichen setzen. Die beste Demonstration eines starken, freien, bürgerschaftlichen Willens ist, jetzt auf die Bilder von starr vor sich hinblickenden Kindern, von verzweifelten Vätern und Müttern zu reagieren. Ich kann diese Bilder nicht ertragen, weder in der Zeitung noch im Fernsehen. Ich komme mir schäbig vor, wenn ich abends in der „Tagesschau“ die Berichte aus dem Südsudan sehe, während ich auf dem Sofa sitze und Schokolade esse.

Wir Journalisten schreiben in diesen trumpschen Zeiten oft davon, dass die Welt aus den Fugen geraten ist, und meinen damit unsere, die westliche. In Wahrheit ist die Welt schon lange aus den Fugen. Es ist und bleibt ein Skandal, dass auf ein und demselben Planeten Menschen im Überfluss und in elender Armut leben. Was sind zwei der größten Geißeln der Menschen? Richtig: Fett­leibigkeit und Unterernährung. Ein Teil der Menschheit wird krank, weil er zu viel, ein anderer Teil, weil er zu wenig isst. Und zwischen diesen beiden Gruppen liegen oft nur wenige Flugstunden.

Ja es stimmt, dass in vielen Entwicklungsländern die Probleme selbst gemacht sind. Dass Gelder aus den Industrienationen in falschen Kanälen gelandet sind. Dass es auch bei uns, im so reichen Deutschland, Armut gibt. Aber darum geht es jetzt nicht. Jetzt geht es darum, die größte humanitäre Katastrophe seit 1945, also seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, zu verhindern. Es ist wie bei einem Haus, das brennt. Da fragt man nicht lange, warum es Feuer gefangen hat und wer daran schuld sein könnte – man löscht einfach.

Die Lage in Afrikas Staaten geht uns unmittelbar an

Und man macht das auch, um im Bild zu bleiben, damit der Brand nicht auf benachbarte Gebäude übergreift, vielleicht das eigene Zuhause erreicht. So ähnlich ist es bei den Hungerkatastrophen, bei dem Elend in anderen Teilen unserer Welt auch. Wer wüsste das seit 2015, als mehr als eine Million Flüchtlinge kamen, besser als die Menschen in Deutschland. In Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung geht uns die Lage insbesondere in den afrikanischen Ländern immer unmittelbar an. Helfen müssen wir so oder so, entweder direkt vor Ort oder bei uns. Und für alle Beteiligten ist es doch das Beste, wenn Menschen in Not dort Unterstützung erfahren, wo sie zu Hause sind. Damit sie weiter in ihrer gewohnten Umgebung, bei ihren Familien, Freunden und Angehörigen leben können.

Und damit wir alle zusammen weiter daran arbeiten können, dass aus Entwicklungs- entwickelte Länder werden. Denn tatsächlich ist die Welt in den vergangenen Jahrzehnten ja eine bessere geworden. Die Kindersterblichkeit hat sich in rund 25 Jahren halbiert, Krankheiten wie Polio sind fast ausgerottet, Frauen erhalten immer einfacher Zugang zu Bildung.

Dafür sind natürlich die Maßnahmen von Staaten und deren Regierungen verantwortlich, aber auch der Einsatz sogenannter Nichtregierungs- und Hilfsorganisationen. Und natürlich das Engagement von Privatpersonen. Das beginnt bei Bill und Melinda Gates, die jedes Jahr Milliarden Euro im Kampf gegen Armut und Krankheiten sowie für mehr Bildung ausgeben. Und das endet bei jedem von uns. Bei mir und bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser.

Helfen wir, so gut wir können. Jetzt.

Mit besten Grüßen, Ihr Lars Haider