Meinung
Leitartikel

Den Radweg in den Sand gesetzt

Ein Weg am Strand von Övelgönne schadet dem Projekt Fahrradstadt.

Hamburg. Am Elbstrand von Övelgönne ist Hamburg ganz bei sich – fast jede Metropole beneidet uns um diesen Flecken. Am Südufer der Elbe liegt die größte und spektakulärste Freiluftbühne der Stadt, der Hafen. Und am Nordufer der größte Sandkasten der Republik – am Strand von Övelgönne treffen sich Hipster und Reaktionäre, Zwerge und Containerriesen, hier verschmelzen Heimweh und Fernweh, Ökonomie und Ökologie. Mehr Hamburg als im Elbsand am Elbstrand geht nicht.

Und deshalb darf man immer noch staunen, auf welch’ seltsame Ideen manche Planer kommen: Genau hier in Övelgönne, so wollen es Fahrradlobbyisten und Vertreter der Bezirksversammlung in Altona, soll ein Fahrradweg durch den Sand führen. Auf diese Idee muss man erst einmal kommen!

Das Ziel Fahrradstadt ist richtig – eigentlich

Sie zeigt, dass das eigentlich so kluge wie richtige Ziel einer Fahrradstadt inzwischen bizarre Blüten treibt: Die Radler, über Jahrzehnte in der Verkehrsplanung stiefmütterlich behandelt und benachteiligt, werden plötzlich hofiert und privilegiert. Der Elbstrand gehört bislang den Fußgängern – hier spielen Kinder, feiern Jugendliche, joggen Erwachsene, hier laufen Hunde. Es ist ein großstädtisches Durcheinander, das im Großen und Ganzen gut funktioniert – wer durch dieses Stück Stadt einen knapp sechs Meter breiten Radweg planieren will, bringt das Gleichgewicht zum Kippen. Er zerstört ohne Not ein Hamburger Idyll – und versenkt Millionen. Selbst im Hochsommer könnte Hochwasser den Radweg unter Wasser setzen, Sturmfluten dürften den Weg bald in Mitleidenschaft ziehen.

Schlimmer noch – für einen Radweg an der Elbe fehlt in der Hansestadt nicht nur jede Mehrheit, sondern auch jedes Verständnis. Er wäre aus zwei Gründen sogar kontraproduktiv. Zum einen verstärkt er die latente Wahrnehmung, die Stadt orientiere sich zu sehr an den Wünschen der Touristen und zu wenig an den Bedürfnissen ihrer Bürger. Das immer wieder angeführte Argument, der Weg in Övelgönne würde endlich die Lücke im Elbradweg schließen, bedient genau diese Vorurteile.

Schlimmer noch: Jede ernst zu nehmende Fahrradpolitik des rot-grünen Senats wird durch ideologischen Aktionismus diskreditiert. Der Radweg in Övelgönne wäre eine Paradestrecke für Klientelpolitik und ein Symbol misslungener Politik. Die Stadt, die mit der Elbvertiefung seit Jahren scheitert, setzt nun einen Elbradweg in den Sand.

Das Prestigeprojekt der Fahrradlobby wiederholt alte Fehler aus den Zeiten der autogerechten Stadt, nur dass der Irrtum von vier auf zwei Räder reduziert wird. In den 50er- und 60er- Jahren sollten Autobahnen die Außenalster untertunneln, die Binnenalster sollte eine Tiefgarage bekommen, ein Autobahnzubringer Ottensen planieren. Andere Pläne wurden Wirklichkeit: Die Ost-West-Straße sprengte die Altstadt, der Ring 1 die Prachtstraße Esplanade. Das waren die Zeiten, in denen Ideologie den gesunden Menschenverstand überstimmte.

Auch wenn ein Radweg weniger in das Stadtbild eingreifen mag, an dieser Stelle wäre jeder Eingriff fatal. Zumal sich dem Radler zwei naheliegende Alternativrouten anbieten – der Radverkehr könnte entweder über die Elbchaussee oder die Bernadottestraße von Westen in die Stadt geführt werden.

Die rot-grüne Mehrheit in der Bezirksversammlung ficht das nicht an: Sie hält an dem Radweg fest. Offenbar sind ihr Prestigeobjekte wichtiger als Investitionen an den Stellen, wo Radler sich wirklich Verbesserungen erhoffen.