Meinung
Gastbeitrag

Digitale Transformation: Des Googles Kern

Wie US-Monopole die Welt nach ihren Spielregeln neu gestalten – und was Europa dagegen tun kann

Die digitale Transformation ist eine Erfolgsgeschichte für wenige Konzerne, die ihren Ursprung im kalifornischen Silicon Valley haben. Zur Erfolgsgeschichte gehört, dass sie Innovationen präsentieren konnten, die weltweit Bedürfnisse befriedigten und von denen die Nutzer vorher gar nicht ahnten, dass diese ihr Leben bereichern und bequemer machen können. Wir denken hierbei an Googles Suchmaschine, Apples Smartphone, Tablets und Apps oder an Facebooks sozialem Netzwerk.

Um diese „Quellprodukte“ herum haben sie rasch zahlreiche neue Dienste und Produkte entwickelt oder zugekauft: Apple mit Tablets, Smartphones, iOS-Betriebssystem und dem Appstore; Amazon mit der Ausweitung seiner Angebotspalette mit dem Kindle eReader und Cloud-Rechenzentren; Facebook mit dem Foto- und Video-Sharing-Dienst Instagram und dem Messenger WhatsApp; Google mit YouTube.

Mit Google verbindet sich zuallererst eine großartige Suchmaschine, weiter das Android-Betriebssystem und hilfreiche digitale Kartendienste. Goo­gle – heute Alphabet – konnte zunächst durch Wagniskapital, dann dank reichlich fließender Werbeeinnahmen permanent Eigenentwicklungen vorantreiben und gleichzeitig weltweit zahlreiche Firmen übernehmen. Mit dieser Strategie ist Google heute die wertvollste Marke der Welt, gefolgt von Apple.

Es haben sich Systeme entwickelt, die durch Wagniskapital, hohe Werbeeinnahmen oder Provisionszahlungen, wie etwa Uber und Airbnb, permanent finanziell aufgeladen werden und auf diese Weise grenzenlos wachsen können. Das lässt sich gut an Google und Facebook demonstrieren. Sie werden von einer Vielzahl von Akteuren gefüttert: Nutzer, die auf viele neue Dienstleistungen bequem und oft kostenlos zugreifen können; Start-ups, die auf Übernahme ihrer Innovationen hoffen; Unternehmen der „alten“ Ökonomie, die glauben, durch Allianzen für ihr Geschäft zu profitieren; des Weiteren Programmierer und Softwareentwickler, die neben einer guten Bezahlung auf eine steile Karriere setzen, sowie Entscheider über große Werbeetats, die wissen, dass sich in diesen Systemen die kaufkräftige junge Klientel versammelt.

Es ist dieses „geniale“ Geschäftsmodell des Verschenkens auf der Nutzerseite, des Kassierens bei den werbetreibenden Firmen und der Steuervermeidung, das ihre Gewinne und Kurse in exorbitante Höhen treibt, die sie für Innovationen und Aufkäufe nutzen können. Und last not least: Die Datenspuren, die wir als Nutzer hinterlassen, können sie für neue Geschäftsmodelle thesaurieren. So wird der Strom ihrer Innovationen stabilisiert. Das angenehme Gefühl der Nutzer, reichlich beschenkt zu werden, wird kaum getrübt durch Hingabe ihrer privaten Daten.

Der Ehrgeiz von Google & Co. besteht darin, immer weitere Teile der „Old Economy“ zu beherrschen. Mark Zuckerberg nennt das „moving fast and breaking things“. In Bereichen, wo komplexes Wissen mit Patenten und erfahrenen Fachexperten notwendig ist, wie in der Gesundheits- oder Energiebranche, ist das nicht ganz so einfach. Da ist es klüger, wie es Google momentan macht, Allianzen mit etablierten Unternehmen einzugehen, etwa mit FiatChrysler im Autobereich oder den Pharmariesen GlaxoSmithKline (Bioelektronik) und Pfizer/23andMe (Genanalyse). Sie werden sich weitere Bereiche einverleiben. Seit 2012 wurden etwa 1300 europäische Start-ups verkauft, fast die Hälfte ging an US-Firmen. Google hat so viele übernommen wie die 15 aktivsten europäischen Konzerne zusammen.

Was könnte eine europäische Strategie sein? Neben mutigen rechtlichen EU-Regulierungen, wie es die Kommissarin Verstager mit ihrer Apple-Entscheidung gezeigt hat, sollten Politik wie Firmen sich auf digitale Zukunftsmärkte konzentrieren, die noch nicht verteilt sind. Deutsche Unternehmen sind stark bei der Industrie 4.0, Smart City und in der Auto-Branche. Dazu gehört auch eine gemeinsame Erzählung, die die Staaten hinter ihren europäischen Werten und Standards versammelt, wie Stärkung der Daten- und Bürgerrechte, auch auf die Gefahr hin, dass bei einer konsequenten Strategie ein Handelskrieg mit den USA drohen kann.

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