Meinung
Hamburger Kritiken

Wenn jeder Blonde zum Nazi wird

Nun werden schon Apothekenhefte hysterisch: Sie halten Mädchen in Röcken für politisch verdächtig.

Wie gut, dass es Apothekerzeitschriften gibt. Sie geben nicht nur Rat in allen Lebenslagen und erhöhen nebenbei den Umsatz mit Pillen, Pasten und Pastillen, sondern reihen sich ein in den "Kampf gegen rechts". Angesichts der erschütternden Fremdenfeindlichkeit möchte man das begrüßen. Oder? Wer kürzlich das Heft "Baby und Familie", diesen als Journalismus getarnten Katalog, beim Apotheker seines Vertrauens mitnahm, staunte nicht schlecht: So rassistisch ging es in deutschen Zeitschriften schon lange nicht mehr zu. Auf fünf Seiten wurde die "Gefahr von rechts" beschworen – aber nicht in Person prügelnder Glatzen oder hasserfüllter Ewiggestriger, sondern in der Figur blonde Mutter mit blondem Kind, den Neurechten.

Seltsame Experten aus noch seltsameren Paralleluniversen raunten da, welch Ungemach im Kindergartenalltag droht. "Die Abgrenzung, was extrem ist und was nicht, ist schwierig", orakelt eine Michaela Köttig, Soziologieprofessorin in Frankfurt. "Tatsache ist, dass diese Gesinnung in der Mitte der Gesellschaft ihren Ursprung hat."

Tatsache könnte aber sein, dass das ausgemachter Blödsinn ist. Es geht noch irrsinniger. Heike Radvan, Leiterin der Fachstelle Gender und Rechtsextremismus bei der Amadeu-Antonio-Stiftung, gibt sachdienliche Hinweise, wie man falscher Gesinnung auf die Spur kommt. "Kinder rechter Eltern sind nicht unbedingt anders als die Kinder anderer Eltern. Sie fallen manchmal erst nach längerer Zeit auf, zum Beispiel weil sie sehr still oder sehr gehorsam sind."

Eine Berliner Sozialarbeiterin weiß zu berichten, dass rechte Töchter "durch akkurat geflochtene Zöpfe und lange Röcke" auffallen, die Söhne "traditionell aussehen und zum Beispiel keine amerikanischen Schriftzüge auf ihrer Kleidung tragen". Und Kötter findet "nette und engagierte Eltern" verdächtig. Ja, liebe Leser, wenn Ihre Kinder Zöpfe oder Hamburg-Shirts tragen, die Nachbarn grüßen und nicht wie der Zappelphilipp durch die Kita laufen, sind sie in der schönen neuen Welt bald ein Fall für den Verfassungsschutz.

Auch der schlichte Leser von "Baby und Familie", immerhin in einer Auflage von 711.900 Exemplaren unters verdächtige Volk gestreut, lernt schnell, wo Gefahr droht. Auf fünf Seiten sind die Rechten an ihren Zöpfen und der Haarfarbe zu erkennen: Das Böse trägt blond. Stern.de kommt zu dem Urteil: "So schlimm wie Rassisten, die sich fremdenfeindlich verhalten und äußern, sind auch alle anderen, die Menschen pauschal verurteilen."

Diese Perle des Journalismus hatte übrigens die Website tichyseinblick.de entdeckt. Das eigentlich skurrile Beispiel aus der Apotheke zeigt, dass der antirassistische Kampf aus dem Ruder läuft und sich nun gegen die "Mitte der Gesellschaft" richtet. Im Internet durchforsten private Gesinnungspolizisten soziale Medien nach Hassinhalten; Diskussionen enden inzwischen damit, dass Bedenkenträger etwa in der Flüchtlingspolitik sofort unter Nazi-Verdacht geraten, eine populistische Partei wird zum Totschlagargument in allen Debatten.

Bis ins Feuilleton wird die AfD-Keule geschwungen, um Denkverbote zu verhängen. Der jüngste Wittenbrink-Liederabend am St. Pauli Theater bekam auf zeit.de das Label "Hamburg hat jetzt sein erstes Musical für AfD-Anhänger". Die nötige Abgrenzung gegen rechts droht zu einer Ausgrenzung der Mitte zu verkommen. Mit fatalen Folgen: Sie treibt einige Menschen erst in die Arme von Rechtspopulisten.

Dabei hätten Antifaschisten mit echten Rassisten eigentlich genug zu tun: So hetzte der AfD-Politiker Kay Nerstheimer gegen Flüchtlinge als "widerliches Gewürm". Blöd nur, dass dies erst richtig öffentlich wurde, nachdem die Berliner am Sonntag gewählt hatten – Nerstheimer gewann ein Direktmandat. Antifaschismus und Antirassismus waren mal Haltungen, die einem aufgeklärten Denken entsprangen. Inzwischen erinnern einige hauptamtliche Rechtsextremismusbeauftragte in ihrer Unerbittlichkeit, ihrer Radikalität und Hysterie eher an den staatlichen Antifaschismus der DDR. Wohin der geführt hat, ist bis heute zu besichtigen.

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