Meinung
Leitartikel

Keine Schule für alle!

Der Autor leitet das Ressort Landespolitik des Abendblatts

Der Autor leitet das Ressort Landespolitik des Abendblatts

Foto: HA / A.Laible

Die Forderung der Hamburger Stadtteilschulleiter hilft den Schülern jetzt nicht

„Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Karthago zerstört werden muss.“ So pflegte Cato der Ältere seine Reden im römischen Senat zu beenden. Das war vor mehr als 2000 Jahren. „Im Übrigen sind wir der Ansicht, dass das gegliederte Schulwesen abgeschafft werden muss.“ So reden die Befürworter der „Schule für alle“ – heute wie vor mehr als 40 Jahren, als die Gesamtschulen die pädagogische Bühne betraten. Ihre politischen Erben, die Schulleiter der Hamburger Stadtteilschulen, kehren nun mit einem Positionspapier zu den Wurzeln zurück. Angesichts der stetig gestiegenen Anmeldezahlen für das Gymnasium und des schwindenden Anteils für die Stadtteilschulen fordern sie das Ende des Zwei-Säulen-Modells mit dem Ergebnis, dass nur noch eine Schulform übrig bleibt.

Natürlich ist die Forderung nach einer „Schule für alle“ politisch legitim, zumal dieses System in den meisten Staaten selbstverständlich ist. Aber: Hierzulande hat sich die eine Schulform trotz jahrzehntelanger Debatten eben nicht durchsetzen lassen. Und: Wer jetzt wieder eine Diskussion über die Schulstruktur starten will, der hilft den Schülern nicht, sondern führt einen abstrakten Streit über die Köpfe der Kinder und Jugendlichen hinweg.

Die Stadtteilschulen brauchen jetzt Unterstützung. Jetzt muss es darum gehen, sie gerade für Eltern attraktiver zu machen, deren Kinder auch auf einem Gymnasium ihren Weg machen könnten. Mit anderen Worten: Es muss gerade jetzt angesichts eines scheinbar übermächtigen Gymnasiums für die Stadtteilschulen darum gehen, den Wettbewerb mit der Konkurrenz in der Breite aufzunehmen. Die Forderung nach der Abschaffung beider Schulformen klingt da ein wenig nach Kapitulation vor den aktuellen Problemen.

Diese Probleme dürfen nicht unter den Tisch gekehrt werden: Es sind die Stadtteilschulen, die die Herausforderung der Inklusion praktisch im Alleingang meistern müssen. Und das Gleiche gilt für den Unterricht der großen Zahl zugewanderter Flüchtlingskinder. Dass das so ist und die Gymnasien von beiden Aufgaben fast nicht berührt sind, darf man als ungerecht bezeichnen. Mindestens beim Unterricht von Flüchtlingen sollte hier deutlich gegengesteuert werden. Mehr Solidarität ist den Gymnasien durchaus zuzumuten.

Zur Wahrheit gehört auch, dass mindestens ein Drittel der 58 Hamburger Stadtteilschulen stabil ist: Es sind etablierte Standorte (meist frühere Gesamtschulen) mit hohen, zum Teil sogar herausragenden Anmeldezahlen. Dagegen haben es häufig diejenigen Standorte, die aus Haupt- und Realschulen hervorgegangen sind, schwerer, sich zu behaupten.

Was ist also zu tun? Statt einer ideologiegeprägten Debatte über die Schulstruktur sind konkrete Schritte zur Stärkung der Stadtteilschulen nötig. Am besten ist es, wenn sich die Akteure der Schulen mit der Politik sowie Kammern und Verbänden zusammenraufen würden. Dabei geht es nicht um die eine selig machende Passform für alle Stadtteilschulen, sondern durchaus um Vielfalt entsprechend den unterschiedlichen Ausgangslagen.

Aber nichts spricht dagegen, von den Erfolgreichen zu lernen. Wenn eine Schule mit einem separaten Gymnasialzug gut fährt, könnte das auch ein Modell für einige andere Standorte sein. Das Gleiche gilt für erfolgreiche Konzepte der äußeren Leistungsdifferenzierung. Oder eine Leistungssteigerung durch Binnendifferenzierung. Immerhin: Diese Vielfalt halten auch die Stadtteilschulleiter für nötig. Das ist eine Chance für eine Einigung.