Meinung
Hamburger Kritiken

Warum die Briten nach Europa gehören

Matthias Iken

Matthias Iken

Foto: Andreas Laible/HA

Der Brexit – ein Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union – wäre viel schlimmer als ein Grexit.

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Exit: Die Regierung Griechenlands dilettiert sich durch ihren puren Populismus langsam aus der Währungsunion heraus und lässt die Wahrscheinlichkeit eines sogenannten Grexit immer weiter steigen. Analysten rechnen inzwischen schon mit 50:50-Szenarien, dass Hellas den Euro verlässt. Doch für viele Europäer bleibt der Grexit ein Schreckensszenario.

Nun sollte man die daraus resultierenden Verwerfungen an den Märkten nicht kleinreden, aber wesentlich gefährlicher als ein Ausstieg der Griechen wäre etwas anderes: das permanente Nachgeben gegenüber der griechischen Politik, die ständige Suche nach Kompromissen mit einem Partner, der kompromisslos daherkommt. Dieses Durchwurschteln der EU hat eine fatale Signalwirkung und ist die perfekte Wahlhilfe für Populisten in Italien, Portugal oder Spanien. Gerade Portugal hat sich in der Krise streng an die Vorgaben der EU gehalten und sieht sich jetzt im Land mit der Frage konfrontiert, warum man diese Mühen eigentlich auf sich genommen hat. Das griechische Beispiel zeigt doch, dass es viel einfacher geht. Wer wie die Troika ständig mit einem Kreditstopp droht, aber immer weiterzahlt, verliert jede Glaubwürdigkeit und alles Drohpotenzial. So bitter es ist: Der Grexit könnte mittelfristig sogar gut für Europa sein.

Während aber in Brüssel die Griechen mit großem Verständnis rechnen dürfen, haben die Briten kaum noch Unterstützer in Europas Hauptstadt. Seit Maggie Thatchers Zeiten treten die Briten in Europa enorm egoistisch und hemdsärmelig auf. Wer auf der Insel die Wähler begeistern will, hackt mit Vorliebe auf der Union herum – das sichert Aufmerksamkeit und Applaus. Das vermag einen Teil der weit verbreiteten Skepsis in Brüssel zu erklären. Aber eben nur einen Teil. Nationale Egoismen – man schaue nur nach Bayern oder Polen – sind ein übliches Verhaltensmuster in Europa. Es gibt einen weiteren Grund für die Britenphobie in Brüssel. Sie speist sich aus den Reformwünschen, welche die Briten formulieren. David Cameron möchte eine schlankere Verwaltung, mehr Rechte für die Nationalstaaten, weniger Einfluss des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, mehr Freihandel. Die EU-Bürokratie versteht das zu Recht als Kampfansage. Sie würde den renitenten Insulanern keine Träne nachweinen.

Wir schon. Wäre Hamburg nur halb so britisch, wie man es in Sonntagsreden gerne betont, müsste ein Aufschrei durch die Stadt gehen. Eine EU ohne England, Wales, Schottland und Nordirland ist keine Europäische Union mehr. Der drittgrößte Staat und Nettozahler, die zweitgrößte Wirtschaftsmacht und der größte Finanzplatz Europas würden den Binnenmarkt verlassen. Für Großbritannien käme das einem ökonomischen Selbstmord gleich, Europa würde politisch amputiert. Die wichtigste liberale Stimme würde verstummen – und europaweit wäre der Brexit der Startschuss für Nationalisten und Separatisten, ebenfalls auszusteigen oder sich abzuspalten. Der Ausstieg der Briten könnte einen fatalen Domino-Effekt auslösen: Europa-Skeptiker gewännen, langfristig würden Dänemark, Schweden, aber auch Holland und im schlimmsten Fall sogar Frankreich zum Wackelkandidaten. Und die AfD – sollte sie es dann noch geben – könnte schon den Schampus kalt stellen.

All das weiß und fürchtet Kanzlerin Merkel. Hoffentlich gilt für den wiedergewählten Briten-Premier David Cameron dasselbe. Noch ist er den letzten Beweis schuldig geblieben, ob es ihm in erster Linie um eine überfällige Reform der Europäischen Union geht oder doch eher um einen nationalen Wahlkampfgag. In den nächsten Monaten wird er seine Bereitschaft zu Kompromissen beweisen müssen. Wenn er für fünf Penny Verstand hat, wird er sich Verbündete in Berlin suchen und seine Rhetorik mäßigen. Immerhin beginnen große Industrieunternehmen, Verbände und Banken schon mit einer Kampagne gegen den Brexit, malen Fortzüge, Desinvestitionen, Massenentlassungen an die Wand. Auch für sie ist der Exodus der Briten ein Schreckensszenario, das ein Grexit niemals war und sein wird.