Meinung
Hamburger Kritiken

Am Stammtisch des digitalen Zeitalters

In den Internetforen grassieren Unsachlichkeit und Verschwörungstheorien – zulasten der öffentlichen Debatte

Als Kind war ich immer neidisch auf das „Schlaue Buch“ von Tick, Trick und Track, den Neffen von Donald Duck. Die drei hatten dieses famose Buch, das ihnen in allen Lebenslagen mit klugen Ratschlägen weiterhalf. Heute haben wir alle es in der Hosentasche: Jeder Internetzugang verbindet uns mit der Klugheit der Massen.

Leider gilt auch das Gegenteil: Denn im weltweiten Netz tummeln sich viele Neurotiker, Spinner, Verschwörungstheoretiker. Sie treiben ihr Unwesen nicht nur auf obskuren Seiten, sondern dominieren auch die Foren der Nachrichtenanbieter. Was sich dort an törichten Kommentaren türmt, bestätigt einen Satz von Albert Einstein: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Und ein weiterer Lehrsatz gilt im www. Je weniger Ahnung, desto mehr Wut.

Schon nach wenigen Sekunden wird selbst auf einem Qualitätsmedium wie spiegel.de die Nachricht „Bahnhof Altona in Hamburg wird verlegt“ rasend kommentiert: „Herr Scholz meinte doch gewiss Luxuswohnungen für Drittwohnungsbesitzer und sicher nicht Sozialwohnungen, bzw. bezahlbaren Wohnraum ... Und: Der Steuerzahler finanziert den Neubau eines Bahnhofs. Klar doch, BER, S 21, Elbphilharmonie lassen grüßen. Gott, wie blöd der BundesSchlafMützenMichel doch ist.“ Das ist doch mal eine krachende Ouvertüre – und so geht es weiter: „Oh Gott, nach Elbchaussee und BER mal wieder ein Pleiteprojekt“. Elbchaussee? Egal! „Sie können es einfach nicht lassen, die selbst ernannte Elite und ihre bezahlten Marionetten der Politik, bevor das System endgültig zusammenbrechen wird, muss auch noch der letzte Banktresor in privaten Händen dieser ‚Leistungselite‘ aufgefüllt werden, bezahlt natürlich vom kleinen Mann/Frau aus der Steuerkasse.“ Rumms. „Solche Großprojekte haben nur den einen Zweck: Steuergelder in die Taschen mit der Politik verbandelter Unternehmer zu schaufeln.“ Auch wer nur Bahnhof versteht, hat eine klare Meinung: „Reicht S21 nicht? ... Von einem Gericht sollte man diese Jungs aus dem Verkehr ziehen und einbuchten!“ Da muss man erst einmal tief durchatmen – immerhin gibt es in der Wutwelle einsame Stimmen der Vernunft, meist von Hamburgern, die die Situation vor Ort kennen.

Altona ist überall – in fast allen Diskussionsforen im Netz. Wer etwas wagt, wird bepöbelt; wer regiert, wird kritisiert; wer eine frische Brise sät, wird einen Shitstorm ernten. Natürlich sind Internetforen nicht repräsentativ für die Bevölkerung – aber ihnen kommt doch eine Funktion zu. Sie sind eine Art digitaler Stammtisch, allerdings unter verschärften Bedingungen: Hier haut jeder raus, was ihm in den Sinn kommt; er schreibt schneller, als er denkt, und er macht es im Normalfall anonym. So steigert sich Wut schnell zum Hass, so wird der Andersdenkende zum Feind. Die vermeintlich totale Demokratie im Netz entpuppt sich schnell als totalitär. Man muss sich nur die Beschimpfungen ansehen, mit denen die „Foristen“ sich überziehen.

Die Foren machen nicht nur schlechte Laune, sie unterspülen auch die Werte, die eine demokratische Gesellschaft benötigt. Dazu gehört Grundvertrauen, nicht der Generalverdacht. Dazu gehört Urteilsvermögen, nicht Vorurteil. Respekt, nicht Unterstellung. Die Mühe, sich in ein Thema hineinzudenken, nicht der Schnellschuss mit dem Schrotgewehr. Der Skandal ist in diesem Land noch immer die Ausnahme, nicht die Regel. Viele Foristen aber wähnen sich in einem Unrechtsstaat und deuten alle Nachrichten zum Beleg für ihre Weltsicht um. Kritik und Selbstkritik, Mündigkeit und Toleranz, war das was? Steht das Internetzeitalter für das Ende der Aufklärung?

Verlieren wir uns nicht in Kulturpessimismus. Denn das Kluge liegt oft nur einen Klick hinter dem Dämlichen. Wie formulierte es ein Forist so treffend in dem oben zitierten Streit um den Bahnhof Altona: „Ich wohne direkt an dieser seit Jahren abgesperrten, brachliegenden Fläche und ich freue mich auf zehn Jahre Baulärm, Schmutz und Dreck. Alles ist besser, als sich dieses so weiter ansehen zu müssen.“ Und ein anderer räsoniert: „Viele der hier dauernörgelnden Foristen sollten sich einmal fragen, warum ihnen eigentlich noch nie ein einziger positiver Beitrag über die Tastatur gekommen ist.“

Matthias Iken beleuchtet in seiner Kolumne jeden Montag Hamburg und die Welt

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