Meinung
Matz ab

Kann Kreuzers Rechnung doch noch aufgehen?

Alles muss jetzt um die Erfolgsformel für den Klassenerhalt gehen. Die Diskussion um den Campus ist wirklichkeitsfremd.

War das ein Aufschrei beim HSV in dieser Woche. Hamburg staunte, meckerte, war fassungslos. Allerdings ging es nicht etwa um das drohende Horrorszenario eines möglichen Abstiegs, sondern nur um das Wort „Campus“. Der Club hatte seinen privaten Geldgebern per Brief mitgeteilt, dass das geplante Nachwuchsleistungszentrum im Volkspark im Abstiegsfall erst später gebaut werden könnte. Dass dem Traditionsverein der Sturz in die 2. Liga bevorstehen könnte, spielte dabei überhaupt keine Rolle. Wirklichkeitsfremder geht es nicht. Die Hamburger Fußballfans haben Sorgen ...

Immerhin gibt es im Verein aber doch einige Herren, die sich mit der prekären Situation beschäftigen. Sportchef Oliver Kreuzer zum Beispiel hat schon vor dem 1:1 gegen Frankfurt vorgerechnet: „Wir brauchen noch fünf Siege, dann dürften wir gerettet sein.“ Jetzt sind es noch fünf „Dreier“ aus zehn Spielen, wobei das Heimspiel gegen Bayern München am vorletzten Spieltag noch abzuziehen wäre. Beide Vereine, den HSV und den Club von Uli Hoeneß, trennen nicht nur 48 Punkte, sondern Welten. Utopisch also zu glauben, der HSV hätte am 3. Mai gegen die Bayern auch nur den Hauch einer Chance.

Bleiben also noch neun Spiele: gegen Nürnberg, in Stuttgart, gegen Freiburg, in Mönchengladbach, gegen Leverkusen, in Hannover, gegen Wolfsburg, in Augsburg, gegen die Bayern und in Mainz. Fünf Siege – wie soll der HSV etwas schaffen, wofür er zuvor 24 Partien benötigte?

Mit der Erfolgsserie müsste nun aber spätestens am Sonntag begonnen werden. Ansonsten dürfte es im Volkspark zappenduster werden. Seit der Saison 2000/2001 nämlich sind dem HSV gerade einmal in nur drei Spielzeiten fünf Siege in den letzten neun Spielen gelungen. Mehr Erfolge gab es seither überhaupt nie: In der Spielzeit 2003/2004 (am Ende Platz acht), in der Saison 2005/2006 (am Ende Rang drei) und dann noch einmal 2006/2007, als der HSV die Saison nach 34 Spieltagen auf Platz sieben beendete. Von einem solchen halbwegs versöhnlichen Schluss aber ist der HSV 2014 weit entfernt.

Pessimisten lesen die HSV-Geschichte anders. 2000/2001 gab es in den letzten neun Spielen lediglich einen Sieg, wie auch 2001/2002. In der Spielzeit 2002/2003 waren es noch vier Erfolge, 2004/2005 zwei, 2007/2008 zwei, 2008/2009 vier, und danach ging’s bergab: 2009/2010 drei Siege, 2010/2011 ein Erfolg, 2011/2012 zwei und 2012/2013 drei.

Und nun? Kann Kreuzers Rechnung doch noch aufgehen?

Daran sollte der geneigte HSV-Fan in diesen schweren Tagen und Wochen in erster Linie denken – und etwas weniger an den Campus, einen verspäteten Start des Projektes, die Zukunft der Anleihe und mögliche finanzielle Gewinne. Das alles ist höchst nebensächlich, denn jetzt darf es doch nur noch um den Klassenerhalt gehen. Daran arbeiten Mannschaft und Trainer, daran sollten auch die Fans arbeiten. Denn erstens könnte es bei einem tatsächlichen Abstieg des HSV für längere Zeit die letzte Erstligasaison gewesen sein, und zweitens stünden nun die vorläufig letzten fünf Heimspiele für den Bundesliga-Dino auf dem Programmplan. Bevor dann Aalen, Sandhausen, der FSV Frankfurt, Union Berlin und zum Beispiel Erzgebirge Aue im Volkspark gastieren.

Zuletzt zählte der Hamburger Abstiegskandidat bei der Partie gegen Eintracht Frankfurt 51.191 Zuschauer in der Arena. Wobei viele Sitzschalen, auf denen sonst Dauerkarteninhaber Platz finden, leer geblieben waren. Viele haben längst die Nase voll von dieser Art des Fußballs, den der HSV anbietet. Abgerechnet aber werden sollte erst nach dem letzten Spieltag am 11. Mai, bis dahin sollten alle durchhalten, die es gut mit ihrem HSV meinen, die diesen Verein ja auch einmal zu ihrem Lieblingsclub erkoren haben. Jetzt geht es um alles. Der HSV braucht Unterstützung, egal, wie viel Mist auch vorher gebaut worden ist. Nur gemeinsam ist man stark.

Die HSV-Kolumne „Matz ab“ finden Sie täglich unter www.abendblatt.de/matz-ab