Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 31. August 2022

| Lesedauer: 8 Minuten

9-Euro-Ticket ist wie Freibier

30. August: „9-Euro-Ticket: Was der Senat plant. Hamburg fordert Nachfolge – aber Finanzierung unsicher“

Ja, wir hatten auch ein 9-Euro-Ticket, weil wir sonst mindestens zwei Mal pro Monat ein 9-Uhr(!)-Ticket für unsere Reisen nach Hamburg benötigt hätten. Natürlich nimmt man so etwas gern mal mit. Aber dass das 9-Euro-Ticket überwiegend begrüßt wurde, ist ein Selbstgänger. Alles andere wäre sehr merkwürdig gewesen. Genauso gut könnte man darüber abstimmen, wer für Freibier ist. Denn davon unterscheidet es sich nur sehr bedingt.

Till Neumann, Bendestorf

Lernt der HVV denn nie dazu?

Lernt der HVV denn gar nichts aus dem Erfolg des 9-Euro-Tickets? Gerade die einfache Anwendung hat die Leute in die Züge gebracht. Nun kommen wieder zig Varianten mit diversen Einschränkungen auf den Markt. Unterschiedliche Gültigkeit an einzelnen Tagen, nur zu bestimmten Uhrzeiten, auf verschiedenen Strecken… Genau so bringt man die Leute wieder in das Auto zurück.

Oliver Bischoff, Hamburg-St. Georg

Denkt kundenfreundlich!

Krasse 23 Prozent Ersparnis für die 5er-Tageskarte – das ist die Ansage vom HVV für die Folgeaktion auf das 9-Euro-Ticket. Das gilt aber nur für die Ringe AB. Ich brauche von Tornesch aus drei Ringe. Die kosten dann künftig 47 Euro, während ich fünf einzelne Tageskarten (ab 9 Uhr wohlgemerkt) heute für 53,50 Euro bekomme. Da halbiert sich die Ersparnis auf leicht über 12 Prozent. Toller Plan! Beim 5er-Ticket sollte doch wenigstens eine „Fahrt“ frei sein. Denkt doch mal kundenfreundlich!

Manfred Christen, Tornesch

Da wächst kein Gras mehr

29. August: „Wie Rot-Grün den Klimaschutz verschleppt“

Nicht nur fehlt es an Wind- und Solaranlagen, die Stadt ignoriert auch weitere Klimaziele. Der Deutsche Städtetag, in dem Hamburg auch Mitglied ist, fordert keine neuen Bürogebäude zu bauen. Was tut die Stadt Hamburg? Sie holzt in der HafenCity gegenüber der Katharinenschule hochgewachsene Straßenbäume, Hecken und Sträucher ab und versiegelt weiter den Boden. Warum? Um ein restlos überdimensioniertes 100 Meter langes sechsgeschossiges Bürogebäude für die städtische private Planungsbehörde HafenCity GmbH zu bauen. Und in der mehrjährigen Bauphase werden Fußgänger, Rad- und Autofahrer sowie Anwohner, Schüler und Kita-Kinder mit erheblichen Verkehrsbeeinträchtigungen und unerträglichem Lärm gequält. Anschließend liegt die Straße Am Dalmannkai ganzjährig im Schatten. Dort wächst dann auch kein Gras mehr. Von Umkehr oder Zeitenwende kann bei diesem Senat keine Rede sein.

Clemens Li

Einige kritische Hinweise

Der Autor plädiert mit Blick auf die Energieversorgungsdebatte für eine längere Nutzung der Atomkraft in Deutschland, auch über den gesetzlich bislang festgelegten Ausstieg Ende 2022 hinaus. Gestatten Sie mir aus Sicht des Bundesamtes, das die Suche nach einem sicheren Endlager-Standort für den bislang angefallenen hoch radioaktiven Atomabfall verantwortet, einige Hinweise. Deutschland braucht für seinen hoch radioaktiven Atomabfall (rund 27 tausend Kubikmeter) ein sicheres Endlager unter der Erde. Bislang befindet sich dieser Atomabfall in Castor-Behältern in Zwischenlagern (auch an verschiedenen norddeutschen Orten) – diesen zeitlich begrenzten Zustand gilt es, in einen dauerhaft sicheren zu überführen. Bislang gibt es bei der Suche nach einem Endlager-Standort in Deutschland – anders als etwa in Finnland – keine Bereitschaft von Regionen, diesen aufzunehmen. In Bayern ist die Ablehnung eines Endlagers sogar in den aktuellen Koalitionsvertrag eingeflossen. Hier stellt sich allerdings die einfache Frage: Wer (Atom)Müll produziert, muss auch eine Entsorgungslösung dafür haben – diese Frage bzw. Aufgabe stellt sich sonst kommenden Generationen (die zudem von dieser Form der nicht-nachhaltigen Energiegewinnung nie profitiert haben). Deutschland hat Mangel an Gas, nicht aber an Strom. Atomkraft ist nicht für die Wärmeversorgung dienlich. Die sogenannten Periodischen Sicherheitsüberprüfungen für die drei verbliebenen deutschen Meiler haben zuletzt 2009 stattgefunden und hätten 2019 wieder stattfinden müssen – dies wurde mit Blick auf das Auslaufen Ende 2022 ausgesetzt. Wie wichtig die Sicherheit ist bei einer Hochrisikotechnologie wie der Atomkraft, ist mit einem Blick auf Frankreich aktuell nachvollziehbar – aufgrund von Sicherheitsmängeln mussten Anlagen vom Netz genommen werden – Deutschland versorgt daher momentan Frankreich zusätzlich mit Strom. Das Bundesverfassungsgericht hat eindeutig befunden, dass die Nutzung von Atomkraft nur dann rechtlich zulässig ist, wenn sogenannte Schadensvorsorge getroffen wird, also die Sicherheitsanforderungen stets dem Stand von Wissenschaft und Technik entsprechen und somit den Schutz des Grundrechts auf Leben und körperliche Unversehrtheit gewährleisten. Ob die verbliebenen deutschen Reaktoren dies derzeit erfüllen, ist buchstäblich sicher zu prüfen.

Christoph Hamann, Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), Berlin

Deutschlands Stromexporte

Man kann mit Herrn Ikens Schlussfolgerung, dass die letzten Deutschen Atomkraftwerke diesen Winter länger laufen sollten, übereinstimmen. Aber zu behaupten, dass Deutschland keine Solidarität mit seinen Europäischen Partnern im Strommarkt übe, ist faktisch schlicht falsch. Deutschland war im ersten Halbjahr 2022 mit über 15 Milliarden Kilowattstunden nach Schweden der zweitgrößte Stromexporteur der EU. Dies lag nicht zuletzt an dem stark gestiegenen Stromvolumen aus Erneuerbaren Energien (plus 14 Prozent im Vergleich zum selben Zeitraum 2021 laut Umweltbundesamt). Davon profitierte nicht zuletzt Frankreich, das jetzt die Quittung für seine verfehlte, einseitig auf Atomkraft ausgerichtete Energiepolitik bekommt.

Till Stenzel

Unter der Gürtellinie

27./28. August: „Zwischen Hamburg und Berlin. Ein E-Mail-Wechsel – heute über Cum-Ex“

Die Logik von Herrn Schwennicke kann ich nicht nachvollziehen. Zwar erkennt er an, dass von mehr als 50 Zeugen niemand eine politische Einflussnahme bemerkt haben will, und auch sonst Beweise fehlen, fragt aber, wer außer Scholz und Tschentscher „die Nummer durchgezogen haben soll“. Weil nach seiner Logik kein anderer in Frage kommt, hält er Scholz und Tschentscher für überführt. Na bravo! Auf die Idee, dass die Finanzbeamten gänzlich ohne politischen Einfluss entschieden haben könnten, kommt er wohl nicht. Das mag für einen in Berlin lebenden Chefredakteur vielleicht naheliegen, für Hanseaten ist seine „Logik“ einfach abwegig und eine durch nichts gerechtfertigte Ehrverletzung der Hamburger Beamten. Genauso wie seine Äußerung über die „situative Demenz“ von Scholz. Geht es noch tiefer unterhalb der Gürtellinie? Wenn Herr Schwennicke sich wirklich mit den Kriterien für eine Reaktivierung von Gedächtnisinhalten nach mehreren Jahren beschäftigt hätte, wüsste er, dass es keinen vernünftigen Zweifel an der fehlenden Erinnerung im Detail von Scholz an Treffen aus 2016 geben kann. Bei den Treffen ging es u.a. um Themen, zu denen Scholz laut Tagebucheinträgen von Olearius gerade keine inhaltliche Stellungnahme abgegeben hat und das von vornherein auch nicht wollte. Daher fehlt es hier an den Kriterien der nötigen „Verarbeitungstiefe“ oder emotionalen Nähe, die für ein späteres Erinnerungsvermögen ausschlaggebend sind.

Wolfgang Nick

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