Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 16. März 2021

Lesedauer: 8 Minuten

Russischen Impfstoff zulassen

15. März: „Stadt stoppt Terminvergabe für Jüngere. Engpass bei AstraZeneca

Es ist mir unverständlich, warum man aus dem zurückliegenden Impfstoff-Debakel nicht endlich lernt. Während AstraZeneca in mehreren europäischen Ländern gestoppt worden ist, weil Fälle von Blutgerinnseln möglicherweise zu tödlichen Vorfällen geführt haben, wird der russische Impfstoff Sputnik V von der EMA (Europäische Arzneimittel-Agentur, Anm. d. Redaktion) noch immer nicht zugelassen, obwohl dieser Impfstoff weltweit, auch in Europa, bereits verimpft wird und dies mit hervorragenden Ergebnissen. Diese Zurückhaltung hat offenbar politische Gründe. Können wir uns das leisten?

Christiane Dornecker

Trotz allem: Uns geht es gut

13./14. März: „Deutschlands Versagen. Die Pandemie zeigt es schonungslos: Selbstgefällig und selbstzufrieden steuert dieses Land in die Sackgasse“

Trotz aller Fehlentscheidungen, die in der Vergangenheit getroffen worden sind, leben wir in einem Land mit einer hohen Lebensqualität und einer robusten Wirtschaft. Es gibt nur wenige Staaten, in denen die Bedingungen besser sind. Dies gilt auch für Zukunftstechnologien. Dies scheint man auch im Ausland so zu sehen. Anders ist es nicht zu erklären, warum Tesla ein großes Werk in Brandenburg baut, und Apple jüngst entschieden hat, ein Halbleiterwerk in München zu errichten und dabei eine Milliarde Euro zu investieren. Ich frage mich, ob es gerade in den tristen Zeiten der Pandemie der Verantwortung der Medien gerecht wird, einen Überbietungswettbewerb der negativen Nachrichten und Kommentare zu veranstalten?

Reinhard Wagner

Kluge Köpfe für das Land

Der Fisch stinkt bekanntlich immer vom Kopf her. Kein Regierungschef und erst recht kein Unternehmensleiter kann es sich leisten, dauerhaft nur Ja-Sager und wenig kompetente Leute um sich zu haben. Die Bundeskanzlerin hat jahrelang fähige, auch andersdenkende Köpfe kaltgestellt, das rächt sich nun in langer Regierungszeit. Von Anfang an war mir klar, dass die große Koalition das Land mehr Richtung Staatswirtschaft und Bürokratie lenken wird, jahrelang wurden auf Kredit soziale Wohltaten verteilt, jedoch nur wenige zukunftsweisende Investitionen getätigt. Und wenn, dann nur mit hohen, staatlichen Subventionen wie bei der E-Mobilität. Die Energiewende, der Digitalpakt für die Schulen und letztlich das Management in der Corona-Pandemie zeugen von diesem Politikversagen. Matthias Iken hat völlig Recht, wenn er anmerkt, dass wir keine echte Opposition im Parlament haben. Leider ist dies in Europa sehr verbreitet, darum wird auch unser Kontinent wirtschaftlich und technologisch nicht weiter entwickelt. Es bleibt in der Tat zu hoffen, dass aus dieser Krise neue, kluge Köpfe hervorgehen, und der Wähler zukünftig wieder Alternativen hat. Frust und Politikverdrossenheit sind kein guter Nährboden für zukünftige Herausforderungen. Persönliche Freiheit, Engagement und Innovationen bedürfen einer klugen, vorausschauenden Regierung, die Leitplanken setzt, ohne die Menschen zu bevormunden.

Torsten Johannsen, Hamburg

Der Kampf hört nie auf

13./14. März: „Schade eigentlich. Ein behindertes Kind zu haben kann sich anfühlen wie das ganz große Glück. Wäre da nicht der tägliche Kampf gegen die Mühlen der Bürokratie. Es ist Zeit, dass sich das ändert“

Wir sind Eltern einer geistig behinderten Tochter (Jahrgang 1968) und können uns daher gut in die Lage anderer Eltern hineinversetzen. Damals waren die Probleme im Kleinkindalter zwar anders, aber nicht weniger schwerwiegend. Es dauerte Jahre, bis uns jemand unseren Anspruch auf Pflegegeld erklärte, auf Kindergartenplätze und Schulplätze mussten wir lange warten. Unsere Tochter kam erst mit fünfeinhalb Jahren in den Kindergarten, natürlich handelte es sich da noch nicht um Integrationskindergärten. Es ging kostbare Zeit der Frühförderung verloren. Auch die Ärzte haben verschiedene Behinderungen einfach nicht erkannt. Das ist heute Gott sei Dank alles besser geworden. Aber der Kampf um die erforderlichen Hilfen ist, so entnehmen wir es Ihrem Artikel, sehr groß. Immer geht es ums Geld. Es ist nicht in Ordnung, wenn aus der Ferne ablehnende Gutachten abgegeben werden, obwohl der Arzt, der das Kind kennt, Hilfsmittel verordnet hat. Im Erwachsenenalter hört der Einsatz nicht auf. Es geht auch dann um Therapien, das Wohnen in einer betreuten Einrichtung und die Teilhabe am öffentlichen Leben. Es geht um die richtige Leistungsstufe, deren finanzielle Höhe sehr wichtig für eine angemessene Förderung (egal in welchem Alter) ist. Der Kampf mit den Behörden ist teilweise ermüdend, aber notwendig. Er hört nie auf. Von Teilhabe wird viel geredet und geschrieben, aber wenig gelebt. Denn hierfür ist ausreichend Personal in den stationären Einrichtungen nötig. Dafür braucht man viel Geld, das nicht in allen Bundesländern zur Verfügung gestellt wird. Der Einsatz für unsere behinderten Kinder ist eine Lebensaufgabe. Leider sind sie noch immer nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das merken wir auch in der Pandemie, in der kaum von Menschen mit Behinderung die Rede ist. Lassen Sie uns gemeinsam versuchen, diesen unseren Kindern gemeinsam eine Stimme zu geben.

Erika und Werner Schönau

Keinen Einfluss auf das Klima

13./14. März: „Dächer von Bushaltestellen sollen zur Grünfläche werden“

Die Idee zur Begrünung von Bushaltestellendächern ist ein weiterer Beleg einer in Teilen zeitverschwendenden Öko-Symbolpolitik des rot-grünen Senats. Die Begrünung von 2300 Dächern von geschätzt je sechs Quadratmetern ergäbe eine Fläche von 13.800 Quadratmetern, das ist eine Fläche kleiner als zwei Fußballfelder. Der klimatechnische Einfluss auf das Gesamtklima der Stadt Hamburg dürfte damit unterhalb der Nachweisgrenze liegen. Trotzdem würde dieser Phantom-Effekt an 2300 Orten der Stadt einen immensen Bewirtschaftungs- und Pflegeaufwand bedeuten. Gleichzeitig wird in Langenhorn das bestehende Landschaftsschutzgebiet Diekmoor im wahrsten Sinne des Wortes dem Erdboden gleichgemacht, um vermeintlich bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Vielleicht können dann ja die durch dieses neu entstehende Revier vertriebenen Kleingärtner, die schon immer in erheblichen Maße zum Erhalt von Grünflächen beitragen haben, ihre Wochenenden mit einem Liegestuhl auf den Wartehäuschen verbringen oder den Pflegedienst für die neuen Grünflächen übernehmen?

Dr. Jost Schwaner

Mangelnde Ortskenntnis?

12. März: „Neubauquartiere brauchen Zeit“ Kay Gätgens ist seit 2016 Bezirksamtsleiter in Eimsbüttel: In unserer Gesprächsreihe zur Stadtentwicklung verrät er, wie die Zukunft nach der Pandemie aussieht

Die Gegend um den S-Bahnhof Diebsteich als „Niemandsland zwischen Altona und Eimsbüttel“ zu bezeichnen, zeugt von ziemlicher Überheblichkeit oder mangelnder Ortskenntnis. Hier „darbt kein vergessenes Stück Stadt zwischen Unkraut und Gleisflächen“ vor sich hin. Wer die Gegend kennt, weiß, dass es sich um ein relevantes innerstädtisches Gewerbegebiet mit einem großen Schraubenhersteller als größtem Betrieb handelt. Es gibt dort ganz normal Wohnbebauung, viel Grün und drei große Sportplätze. Ferner befinden sich dort drei Friedhöfe, wie den unter Denkmalschutz stehenden Diebsteichfriedhof mit der größten Grabstelle von Roma und Sinti in Norddeutschland. Ob nun eine Mehrzweckhalle oder ein Regionalligastadion, die beide nur wenige Tage im Jahr genutzt werden, der große Bringer sind und ein lebhaftes Stadtviertel schaffen, darf mehr als bezweifelt werden. Und die Träume der Politik von einem Bahnhofsgebäude zwischen zwei Hochhaustürmen, zu errichten von einem Investor, der angesichts der Veränderungen im Markt für Gewerbe und Hotelimmobilien vielleicht auch nicht mehr die rechte Lust hat, sind von einer Realisierung weit entfernt. Nein, eine Großstadt wie Hamburg braucht auch ruhige Viertel für ganz normale Bürger, die nicht dem Verwertungsdruck anlagesuchenden Kapitals ausgesetzt sind.

Michael Jung