Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 1. Juli 2020

Verantwortung übernehmen

30. Juni: Regeln, die nur Grote halfen. Umtrunk-Affäre offenbart Widersprüche des Senats und Grotes Umtrunk: ,Integrität des ganzen Senats beschädigt‘

Wie will ein Chef (oder Senator) seine Anweisungen glaubhaft durchsetzen, wenn er sich selbst nicht daran hält? Wie will ein Bürgermeister glaubhaft bleiben, wenn er den Senator ohne Konsequenzen gewähren und weitermachen lässt? Denn, ohne Konsequenz gibt es keine Verhaltensänderung. Wir müssen nicht nach der Ursache der Bürgerverdrossenheit suchen, wenn wir als Führungskräfte nicht bereit sind, bei uns selbst anzufangen und unser Verhalten zu hinterfragen. Oder deckt das Parteimäntelchen alles zu? Wer gegen Gesetze oder Vorschriften verstößt, sollte die Verantwortung für sein Fehlverhalten übernehmen, vorausgesetzt er hat ein Rückgrat.

Dr. Manfred Hilla

Brett vor dem Kopf

30. Juni: Der HSV schafft sie alle. Was der einst ruhmreiche Hamburger Verein in der jüngeren Vergangenheit auch versuchte, am Ende stand meistens der Misserfolg. Die Liste der Gescheiterten ist lang. Auf Spurensuche nach den Ursachen

Es hätte nur noch gefehlt, wenn der Manager Jonas Boldt beim Hinweis auf den größten Erfolg der Vereinsgeschichte des HSV gesagt hätte: „Dafür kann ich mir nichts kaufen.“ Ich habe bei einem Zusammentreffen mit Felix Magath vor zwei Jahren erlebt, wie dieser Spieler- und Trainerstar mich darauf hinwies, dass mit dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1983 in Athen der HSV der weltbeste Fußballverein war. Das kennzeichnet den langen Abstieg und den Aufstieg des damaligen Konkurrenten Bayern München mehr als alles andere. Die Liste der Faktoren der Fehlentwicklungen, die Alexander Laux aufführt, kann nicht vollzählig sein, sie wäre ein Fortsetzungsroman. Eine jüngere Fehlentwicklung ist die Nichtberücksichtigung eben dieses Felix Magath, der einst von Hauptsponsor Kühne als Sportchef vorgeschlagen wurde und der bis heute im auffälligen Gegensatz zu den Fremdenlegionär- und Funktionärskohorten noch heute Mitglied seines Traditionsvereins ist, das Drama verfolgt, mitfiebert und wohl mit seiner Expertise helfen könnte. Aber auch hier das alte Lied. Eines hat die wechselnde Funktionärskaste gemein: in dieser Angelegenheit ein Brett vor dem Kopf.

Peter Schmidt

Qualität und Einsatz fehlen

29. Juni: Der Zusammenbruch. Der HSV verspielt nicht nur kläglich den Aufstieg, sondern macht sich beim 1:5 gegen Sandhausen auch noch zum Gespött

Ich bedauere die treuen Fans des HSV, die trotz miserabler Leistungen und Spielen vor leeren Rängen zu „ihrem“ HSV halten. Natürlich haben alle gehofft, dass der HSV im zweiten Ansatz den Wiederaufstieg schafft. Aber wenn wir ehrlich sind, hat dieser HSV in der Ersten Liga nichts verloren. Ich hoffe sehr, dass Dieter Hecking Trainer bleibt, und die Verantwortlichen nicht erneut im Trainerwechsel die Lösung der Probleme sehen. Auch wenn die eine oder andere taktische Maßnahme zweifelhaft war, Tore schießen immer noch die Spieler und da fehlt es an Qualität und Einsatz.

Ulrich Gesolowitz, Kisdorf

Schutz in Bismarcks Keller

29. Juni: Was wird aus Hamburgs Bismarck? Kritiker fordern Sanierungsstopp des Denkmals. Auch Stadt will kritische Einordnung der Rolle des Reichskanzlers

Ich bin Jahrgang 1940, mit meiner Mutter und Schwester habe ich nach unserer Ausbombung 1943 Zuflucht am damaligem Zeughausmarkt gefunden. Dort befand sich vor dem Krieg auch das beliebte „Café Austria“. Im Krieg, bei jedem Fliegeralarm liefen wir den Berg hoch und fanden Schutz im Keller der Bismarck-Statue. Dort haben wir viele Stunden dicht an dicht mit all den anderen bangen Menschen zusammengesessen. Und das war auch tröstlich. Die schrecklichen Bombeneinschläge ganz in der Nähe, habe ich bis heute nicht vergessen. Später habe ich rund um den Bismarck herrlich gespielt, im Winter sind wir mit dem Schlitten vom Hügel bis über die Helgoländer Allee gesaust, und auch mein Hund Lotte liegt zu Otto von Bismarcks Füßen begraben. Ich kann mir diesen Teil Hamburgs ohne unseren Bismarck nicht vorstellen. Auch Negatives sollte meiner Meinung nach zur Erinnerung und Mahnung bestehen bleiben.

Rita Zulim

Kritiker der Kolonialpolitik

Charles de Gaulle und Winston Churchill waren aktiv beteiligt an den Kolonialkriegen des 19. und 20. Jahrhunderts. Dennoch sind die Namen der beiden Politiker untrennbar mit dem Sieg über Nazi-Deutschland verknüpft. Die Aktivistinnen und Aktivisten von „Bismarck Critical Neighbours“ ignorieren die Verdienste Otto von Bismarcks. Bismarck führte ab 1883 eine gesetzliche Sozialversicherung ein. Nach dem Sieg über Frankreich war es Bismarck, der weitere Kriege in Europa durch deutsche Alleingänge vermeiden wollte. Der Reichskanzler sah die Kolonialpolitik sehr kritisch.

Martin Wendt

Ein großer Staatsmann

Die ganze Debatte wird von Unkenntnis getragen. Otto von Bismarck hat dem Kolonialismus keinen Vorschub geleistet. Er war ein Gegner zumindest des deutschen Kolonialismus. Er sah darin für das Deutsche Reich mehr Nachteile als Vorteile. Daran ändert auch nichts die Tatsache, dass er die Berliner Afrika-Konferenz geleitet hat, denn er hat immer gegen den deutschen Kolonialismus argumentiert. Er war auch kein Antisemit. Zwar hat er einmal in der Deutschen Nationalversammlung eine Rede gehalten, in der er sich gegen die Gewährung sämtlicher Bürgerrechte für Juden aussprach, jedoch – und dies ist entscheidend – sorgte Bismarck im Jahr 1869 dafür, dass Juden im Norddeutschen Bund gleichgestellt wurden. Schließlich war er kein Antidemokrat. Er war ein Freund der Monarchie, der es verstand, in einer Demokratie Mehrheiten für seine Ziele zu erhalten. Schließlich ist es sicher nicht falsch, Bismarck neben Napoleon als bedeutendste historische Persönlichkeit für die Entwicklung Deutschlands und Europa zu bezeichnen. Er war sicher ein Mensch mit Vor- und Nachteilen, aber das ist nun mal bei Menschen so. Man muss sie aus ihrer Zeit heraus verstehen. Bismarck und sein Denkmal brauchen keine relativierende Erläuterung. Er war und bleibt ein großer Staatsmann!

Arnd-Joachim Westphalen

Wir brauchen neue Statuen!

27./28. Juni: Bloß nicht gleich vom Sockel stürzen. Kriegstreiber und Rassisten sind böse, aber Geschichte bietet Stoff zum Lernen und Bessermachen

Rassistische Strukturen, auch in unserer städtischen Infrastruktur zu erkennen und verändern zu wollen, hat nichts mit Verdrängung oder fehlender Auseinandersetzung zu tun. Eine „Adolf-Hitler-Straße“ ist undenkbar – trotzdem wird sich mit seiner Geschichte auseinandergesetzt. Vielmehr geht es darum, den wortwörtlichen Sockel, auf dem diese vermeintlichen Helden der Geschichte stehen, zu hinterfragen. Dass Straßen die Namen von Nazis tragen oder die Statuen von Sklavenhändlern öffentliche Plätze zieren, ist ein Relikt aus einer Zeit, in der man solche Menschen auf diese Weise ehren wollte. Zu dem Weltbild, das sich glücklicherweise endlich im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung verbreitet, passt so eine Repräsentation nicht mehr. Es ist wichtig, dass unsere Vergangenheit in all ihrer Grausamkeit Raum findet, um reflektiert zu werden. Dazu braucht es aber keine Otto-Weddigen-Straßen mehr und auch keine Statuen von Kolonialherrschern, sondern einen offenen Dialog. Es gilt, den Tätern und Täterinnen nicht länger eine Bühne zu bieten, sondern den Opfern Gehör zu verschaffen, so wie es beispielsweise die Stolpersteine in deutschen Städten bereits seit Jahrzehnten tun. Und ja, wir brauchen neue Statuen! Wir brauchen neue Straßennamen! Von Frauen, von Schwarzen, von Trans-Menschen, die für ihre unterprivilegierte Community eine Veränderung in unserer Gesellschaft schaffen. Die uns zeigen: Ja, es gibt Diskriminierung. Ja, es gibt Rassismus. Aber wir kämpfen für Veränderung, für Frieden, für Gerechtigkeit.

Pauline Pane