Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 29. Januar 2020

Es steht viel auf dem Spiel...

28. Januar: CDU-Spitze startet Frontalangriff auf Fegebank und die Grünen

Wie nicht anders zu erwarten, will eine in der Wählergunst der Hansestadt gebeutelte CDU den Grünen nicht länger auf deren Vormarsch an die Fleischtöpfe der Macht sekundieren und lässt endlich die Muskeln spielen. Vielleicht hinterfragt sie noch rechtzeitig die dramatischen Folgen einer tiefgrünen Politik für die Elbmetropole, die in der Vergangenheit deswegen so erfolgreich regiert wurde, weil lange Jahre die mehrheitsführende Sozialdemokratie und eine kürzere Zeitspanne ein CDU-geführter Senat es jeweils trefflich verstanden haben, eine weitestgehend gelungene Symbiose zwischen Ökonomie und Ökologie einzugehen. Es steht bei dieser Wahl sehr viel auf dem Spiel, und es mehren sich in der Tat Zweifel, ob die bemühte Katharina Fegebank eine Erste Bürgermeisterin mit Maß und Mitte wäre.

Thomas Prohn

Worthülsen im Wahlkampf

28. Januar: ,Hau den Lukas‘ heißt heute ,Hau die Grünen‘. Wahltagebuch Teil 5: Warum sich alle auf die Partei einschießen – und wie so Weichen für die Zeit nach dem 23. Februar gestellt werden

Angriff. Feind. Kampf. Sieg. Diese kriegerischen Begriffe sind integraler Bestandteil der politischen Kommunikation vor den Wahlen. Sich davon abzuheben, wirkt in Zeiten verrohender analoger und digitaler Umgangskultur eher wohltuend. Matthias Iken tituliert die Grüne Strategie als „Blümchen-Wahlkampf“. Den Medien passt das Softe nicht, denn ihr Geschäftsmodell baut bis zu einem gewissen Teil auf Polarisierung. Alles andere wäre ja langweilig und weniger verkaufsfördernd. Aber in Wahlkampfzeiten geht eben alles. Auch Politiker dürfen ungeniert – und medial erstaunlich unreflektiert – dem Bürger nach dem Mund reden und marktschreierische Versprechungen machen. Die Opposition kann noch opportunistischer sein und Maßnahmen postulieren, die sie in der Regierung niemals umsetzen würde. Wer für die Finanzen keine Verantwortung trägt, kann reden, als sei im Himmel Jahrmarkt. Politikerinnen und Politiker sind nicht gut beraten, den Kredit, den sie sich während einer Legislaturperiode durch Sacharbeit verdienen, nicht im Wahlkampf durch das Stanzen von Worthülsen zu opfern.

Malte Siegert, Hamburg

Für Bundestag verpflichtend

27. Januar: Mehrheit fordert: Besuch im KZ soll für Schüler Pflicht werden

Ein guter Vorschlag. Wenn man das Gedenken erhalten will, muss man bei der Jugend immer wieder neu beginnen. Und in der Welt der Erwachsenen? Wie wäre es denn, wenn es für alle Fraktionen des Bundestages ebenfalls verpflichtend wäre – mit vergleichbaren Konsequenzen wie bei Schülern im Falle des Fernbleiben.

Jan Schmidt, Hamburg-Eimsbüttel

Wer waren die Täter?

28. Januar: Warum Auschwitz immer bleibt. Serie, Teil 3: Vor 75 Jahren wurde das KZ befreit. Vier Abendblatt-Redakteure besuchten den Tatort des größten Verbrechens der Menschheit

Jan Eric Lindner hat in einer eindrucksvollen Reportage den Ort des Vernichtungslagers in Südpolen beschrieben und welches menschenverachtende Leid die dorthin Deportierten ertragen mussten. Doch wer waren die Täter? Es greift zu kurz, sie nur als „Die Nazis“ oder als „SS“ zu beschreiben. Wer zählt dazu, wer nicht? Was haben diejenigen getan, die zwar nicht in NSDAP oder SS organisiert waren (die große Mehrheit), aber brav dem Führer gedient und bei den Deportationen weggesehen haben? Man darf nicht vergessen, dass die NSDAP mit Hilfe des Reichspräsidenten Hindenburg und der DNVP bereits 1933 ihre Macht etablieren konnte. Es sind heute nicht nur ein paar AfD’ler oder Pegidas, die unsere Demokratie gefährden. Der Verfassungsschutz in Bayern hat die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) beobachtet, woraufhin dieser Organisation von der Berliner Finanzverwaltung die Gemeinnützigkeit entzogen wurde. Hier waren nicht Nazis am Werk, sondern „brave“ Staatsdiener, die nur ihre Pflicht (?) taten. Die VVN/BdA hat übrigens wesentlich dazu beigetragen, dass die Naziverbrechen aus der Tabuzone ans Licht geholt wurden. Prominentestes Hamburger Mitglied dieser Organisation ist Esther Bejarano, die im Mädchenorchester von Auschwitz spielte.

Jürgen Beeck

Imageschaden für Hamburg

28. Januar: In Eidelstedt halten ab 2025 die Autozüge. Für 20 Millionen Euro wird dort die neue Verladestation geplant

Dass in 2025 Autoreisezüge in der Nähe der S-Bahnstation Elbgaustraße halten, glaubt vermutlich die Deutsche Bahn noch nicht einmal selber. Zum einen sind noch keine Planfeststellungsunterlagen eingereicht worden, zum anderen weiß man aus allen Bahnprojekten in Hamburg, was von den vollmundig verkündeten Fertigstellungsterminen und Kostenschätzungen zu halten ist. Anstatt die gut funktionierende und von den Kunden gut angenommene Autoreisezuganlage am jetzigen Standort in Altona zu modernisieren, wird sie an einen Ort verlegt, wo aufgrund der Bevölkerungsstruktur mit wenig Protesten zu rechnen ist. Die Leidtragenden werden insbesondere die Anwohner und Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs dort sein. Denn die Autozufahrt zur neuen Anlage führt durch die alte, sehr enge und durch Busverkehre hoch belastete Eisenbahnunterführung Elbgaustraße. Auch ist die Umgebung der geplanten Anlage keine Visitenkarte Hamburgs für die Touristen aus Skandinavien, der Schweiz, Österreich und Italien, die häufige Nutzer der Autoreisezüge sind. Gerne gehen die Touristen während der Wartezeit vor der Verladung in Altona/Ottensen ein wenig shoppen oder setzen sich in ein Café. An der Elbgaustraße sollen sie durch einen Snackautomaten abgespeist werden. So schadet man nicht nur dem Einzelhandel, sondern auch dem Image Hamburgs. Gerade im Zeichen der E-Mobilität gewinnen Autoreisezüge einen neuen Stellenwert, weil sie zur Verlängerung der Reichweite von E-Autos beitragen können. Autoreisezüge in Kombination mit Schlaf- und Liegewagen sind kein Auslaufmodell, sondern ein nicht zu unterschätzender Baustein für die Verkehrswende.

Michael Jung, Vastorf

Verstand ist von gestern

27. Januar: Infantilisierung der Politik. Warum Verstand wichtiger ist als ein heißes Herz

Die beste Zustandsbeschreibung des politischen Klimas, die ich seit Langem gelesen habe. Leider bedient der Großteil der wichtigen deutschen Medien das heiße Herz und nicht den Verstand. Wer den Verstand bedient, läuft Gefahr, ganz schnell in die rechte Ecke gestellt zu werden. Das heiße Herz entspricht dem Zeitgeist, Verstand ist von gestern.

Karl-Heinz Schröder

Mehr Objektivität!

Großartiger Gastkommentar! Ich bin absolut kein Klimawandel-Ignorant aber der Klima- und Umwelthype der letzten Monate ist im negativen Sinne kaum noch steigerungsfähig. Selten wurde ein derart komplexes und wichtiges Thema von allen Seiten so fanatisch und unsachlich behandelt. Die üblichen Umwelt-Bedenkenträger, -Parteien und -Verbände überbieten sich mit den Fridays-for-Future-Halbwüchsigen in den abstrusesten Forderungen nach Verboten aller Art. Aber nicht nur Politiker, sofern sie die Thematik einigermaßen beherrschen, sollten mit „eingezogenem Kopf“ diesen Wohlstandskindern generös das Wort überlassen. Insbesondere der Journalismus sollte meines Erachtens bei diesem komplexen Thema mehr Verantwortung übernehmen. Statt spektakulärer Berichte über die Greta-Prozessionen, würde eine objektive Auseinandersetzung zum Klimawandel der aus dem Ruder gelaufenen Diskussion guttun. Die kritische Beleuchtung aller Umweltaspekte und ihre realistischen Möglichkeiten bzw. Auswirkungen auf den Klimawandel wären wichtiger als Beiträge über Kfz-Durchfahrverbote, Flugscham oder ein Verbot für Silvesterraketen. Ich bin überzeugt, die Leser wären dankbar dafür.

Michael Deil, Bargteheide