Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 25. Januar 2020

Mahnung und Verpflichtung

24. Januar: Steinmeiers Sorge vor dem neuen Bösen

Ich stimme mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier darin überein, dass wir aufgrund unserer Geschichte und des an den Juden begangenen Unrechts dafür sorgen müssen, dass der Antisemitismus in Deutschland niemals wieder seine hässliche Fratze erhebt. Wo Herr Steinmeier und ich jedoch differieren, ist beim Begriff der „historischen Schuld“. Schuld ist die individuelle Vorwerfbarkeit eines Verhaltens. Dieser materielle Schuldbegriff knüpft an eine lange philosophische und juristische Tradition an. Schuld ist somit – wie Unschuld – nicht kollektiv, sondern persönlich. Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes kann es daher nicht geben. Der ganz überwiegende Teil unserer heutigen Bevölkerung war zur Zeit des Nationalsozialismus entweder im Kindesalter oder noch gar nicht geboren. „Sie können nicht eine eigene Schuld bekennen für Taten, die sie gar nicht begangen haben“ (Richard von Weizsäcker, Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa). Jedoch müssen wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Dieses „historische Erbe“ ist Mahnung und Verpflichtung zugleich.

Michael Pfeiffer

Ignoranz macht fassungslos

24. Januar: Zwei Kinder sterben in Schulbus

Wieder stehe ich fassungslos vor der Ignoranz der Behörden. Es ist bekannt, dass der Schulbus diese Nebenstraße befährt, um die Schulkinder unbeschadet auf der richtigen Straßenseite aussteigen zu lassen. Sie sollen keine Straße überqueren müssen. Trotzdem wird diese Straße nicht in den Winterdienst aufgenommen, weil es nur eine Nebenstraße ist? Wie haarsträubend ist die Aussage: Wir suchen jetzt nach einem Schuldigen! Ganz klar, das ist die Behörde, deren Mitarbeiter dafür gesorgt haben, dass diese Straße vom Winterdienst ausgenommen blieb, obwohl bekannt war, dass der Schulbus dort unterwegs ist.

Birgit Knoblauch, Geesthacht

Die Straße schmückt Hamburg

24. Januar: Strengere Regeln für die Elbchaussee

Herzlichen Dank für den Artikel, der die Sinnhaftigkeit aber auch die Schwierigkeiten einer Unterschutzstellung der gesamten Elbchaussee aufzeigt. Die Straße schmückt Hamburg und es lohnt sich, auch in ihrem etwas wild gewachsenen Zustand, sich um den Erhalt oder besser noch um eine sorgsame Entwicklung zu kümmern. Aus Anlass der parallel dazu laufenden Diskussion ein notwendiger Hinweis. Die Bürgerschaft sollte auch daran denken, die Straße selbst unter Schutz zu stellen. Wenn sie wegen der Ertüchtigung für die Radfahrer in eine der üblichen Hamburger Straßen umgebaut wird, braucht man auch die dahinter liegenden Umzäunungen, Gärten und Häuser nicht zu schützen. Eine Elbchaussee mit roten Fahrradwegen, weißen erhöhten Abgrenzungen und massiv bemalten Einbiegungen, würde dem Ensembleschutz jedenfalls nicht helfen.

Lorenz Flemming, Hamburg

Komplexität von Begriffen

23. Januar: Das Dilemma der SPD. Wahltagebuch Teil 1

Interessant ist, wenn man sich mit Inhalten der Politik auseinandersetzt, werden unterkomplexe Begriffe schnell demaskiert. „Rechts, Links, Mitte, bürgerlich“. Undifferenzierte Begriffe, die mehr verschleiern als offenbaren. Olaf Scholz ein Mann der Mitte? Was soll das heißen? Seine mitzuverantwortende Politik der „Mitte“ (auf Bundes- und Landesebene) bedeutete u. a. die Ausweitung des Niedriglohnsektors, Verfall öffentlicher Infrastruktur (Baustellen in Hamburg), Steuerentlastungen für Reiche und Konzerne, G20-Disaster etc. Diese Art Politik hätte man in den 70er-Jahren als „rechts“ deklariert. Man merkt, dass der Autor ein Mann der „Mitte“ ist, der durch diese Politik keine Nachteile hatte. Studien belegen, dass der Anteil der Wähler in der Gruppe der wahlberechtigten wohlhabenden Menschen deutlich größer ist als in der Gruppe der armen Menschen. Warum? Nachweislich, wie politikwissenschaftliche Studien belegen, werden die Belange ärmerer Menschen bei unseren Volksvertretern kaum berücksichtigt. Die neue Parteispitze der SPD als „linkslastig“ zu bezeichnen, ist unter der sichtbaren Entwicklung unserer Gesellschaft (geringe soziale Mobilität, weiteres Auseinanderdriften der Einkommen von Arm und Reich) in dreifacher Hinsicht verräterisch: Der Autor hält gern an dem ihm Vorteile bringenden Status quo fest, eine Politik die die soziale Mobilität erhöhen und bessere Lebensbedingungen auch für ärmere Menschen fordert, wird diskreditiert.

Reiner Gorning