Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 1. November 2019

Unser Problem: Intoleranz

30./31. Oktober: Vom Verblassen der Freiheit. Wer den Intoleranten die Debatten überlässt, wird alles verlieren

Ihr Essay offenbart das Problem unserer heutigen Gesellschaft: Intoleranz. Erschreckend intensiv hat sich schlagartig diese Art miteinander umzugehen verbreitet. Ich bin dankbar, dass ich den Begriff „Freiheit“ hautnah erlebte: Mit 12 Jahren von Erfurt in den Westen, in den 60ern Studium, anschließend im Schuldienst. Ich habe Kunst unterrichtet und glaube daran, dass die Kreativität des Menschen positive Lösungen im Umgang miteinander beinhaltet. Ich bin nicht naiv zu glauben, dass die Störer an der Uni mit einem Malkurs friedlich werden. Doch unsere Gesellschaft sollte diese Fähigkeiten nicht außer acht lassen. Aus meiner Erfahrung sind junge Menschen für eine Diskussionskultur eigentlich erreichbar, doch wie die aktuellen Ereignisse zeigen, scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Es sollte für uns eine Warnung sein. Danke für die treffende Analyse. Ich hoffe stark, dass wir, wie Sie richtig sagen, „das Land nicht gegen den Baum fahren“, eher den Ausspruch Nazim Hikmet’s vor Augen haben: „Leben wie ein Baum, einzeln und frei und brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht.“

Karin Bechstein-Martins Garcia

Die östlichen Stadtteile fehlen

30./31. Oktober: Finale der Stadtteilserie. Wo ist die Stadt am schönsten? Schwere Frage. Wir versuchen sie zu beantworten. Mit 50 leidenschaftlichen Plädoyers

Ich habe regelmäßig die verschiedenen Stadtteile gelesen und mich gefreut, etwas über unbekannte Bezirke zu erfahren. Das macht Lust, dort einmal hinzufahren und Neues in Hamburg zu entdecken. Weniger schön finde ich die Beschränkung auf 50 Stadtteile. Ich weiß, Sie hatten am Anfang die Subjektivität angekündigt und erläutert. Wonach Sie die Stadtteile letztendlich ausgewählt haben, erschließt sich mir jedoch nicht. Ich war gespannt auf meinen eigenen, nicht gerade kleinen Stadteil (Billstedt), musste aber leider feststellen, dass dieser offenbar der Berichterstattung nicht für würdig befunden wurde. Ebenso fehlen unter anderem auch die östlichen Stadtteile wie Horn, Jenfeld, Farmsen, Tonndorf, Mümmelmannsberg und Großlohe. So weit ich mich erinnere, waren aus dem Osten lediglich Rahlstedt und Wandsbek vorgestellt worden. Da drängt sich einem leider der Eindruck auf, dass man offenbar insbesondere Stadtteile mit einem geringeren Sozialstatus weggelassen hat. Sehr, sehr schade um die vergebene Chance, auch für diese Stadtteile Interesse bei den Lesern zu wecken.

Kerstin Ahlers-Stylianou

Gelungene Serie

Wir leben nun seit 1991 nicht mehr in Hamburg, verlieren die schönste Stadt Deutschlands aber nie aus den Augen. Die gelungene Stadtteilserie hat dabei sehr geholfen und war spannend zu lesen. Ich bin 1957 am Grindel geboren und kenne die Stadtteile Eimsbüttel, Harvestehude, Rotherbaum, Eppendorf und Hoheluft natürlich besonders gut. Wir haben nie zwischen Hoheluft-West und -Ost unterschieden. Uns hat man als Kindern in den 60er-Jahren immer eingetrichtert, dass die Grindelhochhäuser zu Eimsbüttel gehören und nicht zu Harvestehude. Wer hat denn die Grenzen dieser Serie gezogen? Für mich wäre der Grindel mit seinen geschichtsträchtigen Hochhäusern einen eigenen Stadtteilbericht wert gewesen. Immer, wenn wir Hamburg einen Besuch abstatten, nehmen wir uns einen anderen Stadtteil vor, um die Veränderungen wahrzunehmen. Als nächstes ist der Grindel dran. Ich möchte mal wieder aus dem 13. Stock in der Hallerstraße 1b in Richtung Volksparkstadion aus dem Fenster schauen.

Sönke Petersen

Ist die Tram rentabel?

29. Oktober: Leserbrief: Eine Stadtbahn für Hamburg und 25. Oktober: Kaum noch Fahrgastzuwächse im öffentlichen Nahverkehr. CDU fordert Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung

Eine Stadtbahn ist nur eine solche, wenn sie in einem vom übrigen Verkehr abgetrennten Gleisbett fährt. Das ist in Hamburgs engen Straßen nicht oder nur in einigen Außenbereichen zu machen. Wer realistisch an das Thema herangeht, muss also ehrlicherweise von „Straßenbahn“ sprechen. International spricht man von „Tram“. Wollte man eine Tramlinie im Nordosten, die andere im Nordwesten und die dritte im Süden der Stadt bauen, stieße man auf Rentabilitätsprobleme: Nur in einem zusammenhängenden Netz ist die Tram rentabel. Wollte man die Tram im gesamten Stadtgebiet einführen, stünde den Hamburgern eine jahrzehntelange Bauphase bevor. Straßen würden aufgerissen, grausiger Lärm würde die Menschen nerven, Oberflächenverkehr wäre kaum noch möglich, und dies alles über Jahrzehnte. Am Ende würden Wälder von Strommasten und Oberleitungen die engen Hamburger Straßen verzieren. In der Schweiz arbeitet man an einem neuartigen längeren Gliederbus mit Lenkfähigkeit sämtlicher Achsen und tramähnlichem Fassungsvermögen, dessen Batterien an jeder dritten Haltestelle binnen weniger Minuten aufgeladen werden können. Das wäre eine Perspektive für Hamburg.

Bernd Wenzel, Buchholz

An der Realität vorbei

26./27. Oktober: Intensiver Sport birgt Risiken für Kinder

Dieser Artikel ist absolut kontraproduktiv und geht an der Realität vorbei. Wir Kinderärzte versuchen mit allen Mitteln Kindern Bewegung und Sport zu vermitteln und das ist aus vielen Gründen wichtiger denn je. Wenn im Artikel potenzielle orthopädische Probleme durch Leistungssport im Kindesalter attestiert werden, dann schreckt das Eltern doch eher ab, als dass sie ihre Kinder dem Sport zuführen. Unter einem Prozent der sporttreibenden Kinder betreiben den im Artikel erwähnten drei- bis vierstündigen Leistungssport pro Tag. Evidenzbasierte Daten für chronische Schäden sind nur für einzelne selektive Sportarten vorhanden und sicher nicht für die erwähnte Sportart Judo. Diese gilt für Kinder und Jugendliche als sehr gut geeignet, und es ist schlicht und einfach nicht haltbar, was hier von orthopädischer Seite verkündet wird. Nicht zuletzt sollten sich die Orthopäden mal mit dem Thema beschäftigen, was für relevante Probleme entstehen, weil die Mehrzahl der Kinder keine ausreichende Bewegung hat und nicht regelmäßig Sport betreibt. Die Adipositas im Kindes- und Jugendalter nimmt relevant zu, woraus sich viele orthopädische und internistische Probleme ableiten. Die zunehmend sitzende Tätigkeit von Kindern und Jugendlichen (z. B. vor dem Computer) ist ein wesentlich relevanteres Problem für die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen als die hypothetischen orthopädischen Probleme einer absoluten Minderheit von Leistungssportlern, die den Leistungssport statistisch gesehen ohnehin nur über einen gewissen Zeitraum betreiben.

Univ.-Prof. Dr. med. Rainer Ganschow, Arzt für Kinder- und Jugendmedizin, Sportmedizin

Medikamente auf dem Müll

23. Oktober: Lieferengpass bei Impfstoffen und 19./20. Oktober: So wichtig ist die Impfung gegen Gürtelrose. Jahrzehnte nach einer Windpockenerkrankung können die Viren wieder erwachen. Experten raten zu Immunisierung

Wenn es heutzutage Engpässe bei Impfstoffen und Medikamenten gibt, dann hat das zwei Ursachen: Erstens die Produktion von Medikamenten und Impfstoffen und zweitens deren Bevorratung. Seit der Patient zur Ware geworden ist, stehen bei der Pharmaindustrie vorwiegend kommerzielle Gesichtspunkte im Vordergrund. Daher wird zunehmend in Billigländern produziert, deren Qualitätsstandards zunehmend zu Wünschen übrig lassen und die einem plötzlichen Nachfrageansturm nicht gerecht werden können. Eine ausreichende Bevorratung ist ebenfalls seit Einführung nicht marktgerechter sowie zumeist kurzfristiger Verfallsdaten nicht mehr gegeben. Eine Hausapotheke, wie sie zu meiner Zeit bei fast allen Patienten anzutreffen war, gibt es genauso wenig, wie die Vorhaltung teurer Medikamente in den Apotheken, aus Furcht das Verfallsdatum könnte überschritten werden. Jahr für Jahr landen Medikamente auf dem Müll. Aber das alles ist den Regierenden seit nunmehr Jahrzehnten bekannt.

Dr. med. Udo Fuchs Hamburg