Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 9. Juli 2019

Wir träumen seit Jahrzehnten

8. Juli: Warum der Weg in die City oft so lang dauert. Politik verspricht neue Mobilitätskonzepte

Der Hamburger Westen hört nicht in Blankenese auf, sondern in Rissen! Vom Zehnminutentakt der S 1 träumen wir hier seit Jahrzehnten. Den gibt’s nämlich nur während einer begrenzten Zeit morgens und abends. Daher fahren viele aus dem Westen kommende mit dem Auto Richtung Stadt, bis sie vom Zehnminutentakt profitieren können.

Karin Lesser, Hamburg-Rissen

„Das Wohnen“ billiger machen

6./7. Juli: Hamburg plant Strafsteuer für Grundstücksspekulanten. Das Ziel: mehr Platz für Wohnungsbau

Es wird viel darüber gesprochen, wie das Wohnen in Hamburg verbilligt werden kann. Eine gute Möglichkeit dazu bietet jetzt die vorgesehene Grundsteuerregelung, wonach es den Ländern erlaubt wird, eigene Regelungen zu treffen. Hamburg könnte also die Grundsteuern für Wohnnutzungen – unabhängig von anderen Bundesländern – abschaffen. Zur Klarstellung: Ich meine nur die Grundsteuern auf wohnlich genutzte Objekte, nicht auf gewerblich oder landwirtschaftlich genutzten Grundbesitz. Dies würde einerseits das Wohnen deutlich verbilligen, weil jeder in Hamburg Wohnende Grundsteuern trägt, entweder als Eigentümer direkt oder als Mieter über die Umlage der Grundsteuer durch den Vermieter. Steuerpolitisch stellt sich grundsätzlich die Frage, aus welchen Gründen der Staat das private Wohnen besteuert. Zusätzlich würden ganz erhebliche Verwaltungsvereinfachungen eintreten, weil eine Neubewertung des für Wohnzwecke genutzten Grundbesitzes entfiele. Dies würde sich sowohl bei den Bürgern als auch bei der Finanzverwaltung, insbesondere dem Finanzamt für Verkehrsteuern und Grundbesitz, auswirken. Die Einnahmeausfälle der Stadt könnten – jedenfalls teilweise – durch die geplante Sondergrundsteuer „C“ für brach liegende Grundstücke ausgeglichen werden.

Peter Vietzen, Hamburg

Nachhaltigkeit geht anders

Es ist heuchlerisch, wenn der SPD-Finanzminister meint, dass Hamburg „angesichts der Wohnsituation“ es sich nicht leisten kann, „auch nur ein Grundstückpotenzial liegen zu lassen“. Hat der Minister mal durchgerechnet, wie viele Grundstücke in Hamburgs nordöstlichen Wohngebieten verloren gehen bzw. unbewohnbar werden, sollte der von SPD geforderte Ausbau der Güterverkehr-Transitstrecke quer durch die Stadt tatsächlich kommen? Es ist unverständlich, warum die von vielen Seiten vorgeschlagene alternative Streckenführung um das Stadtgebiet herum so hartnäckig von der Politik ignoriert wird. Nachhaltigkeit sieht anders aus.

Nis Boysen, Hamburg

Wir sind die Klimaretter

6./7. Juli: Hamburger KRITiken: Der deutsche Hochmut. Medienschaffende und Politiker gefallen sich als Moralisierer und Besserwisser – mit fatalen Folgen in Europa

Glückwunsch Herr Iken, Ihre KRITiken von Sonnabend waren wieder mal exzellent und in allen Punkten zutreffend. Ein weiteres Beispiel für unseren moralisierenden Hochmut ist der E-Mobile-Hype. Wir wollen mit den E-Autos das Klima retten, blenden aber aus, dass u. a. das für die Batterien benötigte Kobalt und Lithium unter Arbeitsbedingungen wie in der Kolonialzeit (teilweise durch Kinderarbeit) und enormen Umweltschäden gewonnen wird. Auch nehmen wir in Kauf, dass für die Ethanolproduktion riesige Regenwaldgebiete den Ölpalm-Plantagen weichen müssen, damit wir unser Umweltgewissen mit dem Tanken von E10-Benzin beruhigen können. Wir sind ja die Klimaretter.

Klaus Kuttrus, Seevetal

Nichts hinzuzufügen

Treffender kann man unsere augenblickliche Politik höchster Amtsinhaber kaum noch beschreiben. Fast schon vom Podium hoher Priester wird eine Deutungshoheit und ein Besserwissertum in den europäischen Politikraum gepustet, dass es einem bange wird. Zu einer anderen vergangenen Zeit hätte es die Qualität einer „Bad-Emsener-Depeche“ gehabt (Auslöser des frz./deutschen Krieges 1870/ 71). Von mir etwas dick aufgetragen, aber Mahnungen sollen ja etwas bewirken. Es bleiben Teile der Medien, dem ist zu den Ausführungen von Herrn Iken nichts mehr hinzuzufügen.

Heiko Felter, Hamburg

Königsweg für alle Probleme

Herrn Iken ist uneingeschränkt zuzustimmen. Es ist wirklich nicht mehr zu tolerieren, mit welcher Arroganz einige unserer Politiker, Aktivisten und Satiriker für sich in Anspruch nehmen, der ganzen Welt beweisen zu wollen, dass nur sie in der Lage sind, für alle Problemfelder einen „Königsweg“ aufzeigen zu können. Es ist nicht schändlich einen hohen moralischen Standard zu vertreten und dabei mit gutem Beispiel voranzugehen. Schändlich aber ist, Andersdenkende zu verunglimpfen, mit ihren Problemen allein zu lassen und sich dabei auch noch oberlehrerhaft aufzuspielen. Besonders bedauerlich ist, dass unsere Vertreter in Berlin dafür offenbar überhaupt keinerlei Gespür mehr haben. Wie diese Ignoranz die „braunen Schleusen“ öffnet, sehen wir mittlerweile im gesamten europäischen Umfeld. Und dass Leuten wie Herrn Böhmermann überhaupt die Möglichkeit gegeben wird, in den öffentlich-rechtlichen Medien ihre Schmutzkampagnen „in den Äther“ zu bringen, ist dabei nur ein weiterer Beweis einer falsch verstandenen „satirischen Meinungsfreiheit“. Über so viel Intoleranz ist kein weiteres Wort mehr zu verlieren. Klaus Hofhansl, Seevetal

Zusätzliche Verkehrsprobleme

6./.7. Juli: Zahl der Leihroller in Hamburg wächst rasant. 2150 E-Scooter sind schon auf den Straßen unterwegs

Ohne feste Abhol- und Abgabestationen auch zum Aufladen, ohne Richtungsanzeige, ohne Ausbau der Fahrrad- und jetzt auch Rollerspuren, ohne Schulung der neuen Verkehrsteilnehmer, ohne konsequente Kontrolle und Ahndung von Verstößen, ohne Kennzeichen und Regelung der Haftung bei Personen- und Sachbeschädigung kann ein verträgliches Miteinander der ganz unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer inklusive (Elektro-) Fahrräder nicht funktionieren. Dass Elektroroller und andere Leihfahrzeuge zusätzliche Verkehrsprobleme schaffen, kann jeder voraussehen, dafür braucht man keine Gutachten und keine Erprobungsphase. Die sollten bedacht und durch Auflagen gemindert werden, bevor Genehmigungen wahllos erteilt werden. Wer das nicht vorsorglich bedenkt, gefährdet die Entwicklung alternativer Mobilität.

Uwe-Carsten Edeler, Hamburg

Niemand hört zu

6./7. Juli: Serie: Die 100 großen Fragen des Lebens: Ertrinken die Meere irgendwann im Müll?

Ja. Man kann es hundertmal sagen oder schreiben, aber niemand hört zu, weil seine Ohren oder Augen ideologisch verstopft sind: Plastikabfälle gehören thermisch genutzt. Gerade wenn Deutschland nun auch noch die Kohlenutzung beendet, wird Strom benötigt, etwa um die Elektromobilität zu generieren, und da zählt jede Kilowattstunde. Doch solange das Zeug aus gelben Säcken und Tonnen wegen seiner schieren Menge nicht recycelt werden kann, sondern nach China oder Malaysia oder sonst in die Dritte Welt „entsorgt“ wird, weil es ja „zum Verbrennen zu schade“ ist, wird man es auf oder in den Weltmeeren oder an deren Stränden finden. Nur ein Plastikgegenstand, der seine Energie zu einem Stromgenerator geleitet hat, gelangt zu 100 Prozent nicht mehr in den Ozean. So könnte man der Fischerei für ihre unbrauchbar gewordenen Netze den Energiepreis erstatten, dann würde sie diese vermutlich in vielen Fällen an Land entsorgen. Es wäre zum Beispiel auch eine dankbare Aufgabe für die Entwicklungshilfe, kompakte einfach zu bedienende Anlagen zu entwickeln, die in der Dritten Welt dort, wo es kein sauberes Trinkwasser gibt, die leeren Plastikflaschen und anderes Plastik in den dort ebenfalls fehlenden elektrischen Strom verwandeln.

Dr. Gunter Alfke, Hamburg