Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 13. November 2018

Staat ist zur Übermutter mutiert

10. November: Das Recht ist kein Bastelbogen“. Eigene moralische Vorstellungen stehen nicht über dem Gesetz – ein Ex-Verfassungsrichter erinnert daran

An der Erosion des Rechtsstaates sind nicht nur die Bürger und Firmen schuld. Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte hat der Staat eine Flut von Gesetzen erlassen, die in immer mehr (Persönlichkeits-) Bereiche eingreifen. Irgendwann nimmt der Bürger den Staat nicht mehr ernst, insbesondere wenn er bemerkt, dass der Staat mit der Kontrolle der Maßnahmen gar nicht mehr nachkommt. Von der ursprünglichen Nachtwächterfunktion des Staates ist dieser zu einer Übermutter mutiert, die sowohl den Staat als auch Bürger überfordert. Als Beispiele: Wir brauchen kein Verbot von Wattestäbchen und keine Beschränkung von Staubsaugermotoren. Wem eigentlich dient die Kriminalisierung von Radfahrern? Weniger Gesetze und nur dort, wo es unbedingt notwendig ist, und diese auch durchsetzen, das wäre das Gebot der Stunde. Und mehr Mut dabei, dem Bürger soviel Freiheiten wie möglich zu lassen.

Lars Büngener, per E-Mail

Stolpersteine putzen

9. November: Die Nacht, als die Synagogen in Hamburg brannten. Ein Opfer erinnert sich an eine Kindheit voller Angst, an die Novemberpogrome heute vor 80 Jahren, als Nazis jüdische Einrichtungen schändeten und Menschen verschleppten. Thea Kurzbarth wurde gerettet.

Beim Lesen der Geschichte von Mirjam Pollin und ihrer Mutter läuft es einem kalt den Rücken herunter. Schön fand sie es, dass für ihre Mutter ein Stolperstein verlegt wurde. Am Schluss des Textes ist sie der Meinung, dass die Stolpersteine schwarz sind, weil viele Leute ihre Mutter nicht beachten, und stattdessen auf den Stein treten. Dem muss ich jedoch widersprechen. Denn zum einen läuft Messing mit der Zeit an, wenn er nicht poliert wird. Zum anderen verschmutzen die Steine durch Regen, Baumabfälle oder Straßenverkehr. Meines Erachtens war der Gedanke von Gunter Demnig, dass die Passanten die Stolpersteine putzen, indem sie darüber gehen, diese also dadurch ständig glänzend sichtbar sind. Aber die wenigsten Leute treten tatsächlich auf die Steine. Das hat mich mit einer Gruppe Gleichgesinnter vor fast zehn Jahren dazu bewogen, die Stolpersteine in Hohenfelde und auf der Uhlenhorst regelmäßig von Hand zu putzen. Wenn ich spazieren gehe, und die Luftfeuchtigkeit ist relativ hoch, reibe ich die Steine, an denen ich vorbeigehe, bewusst mit der Schuhsohle. Am Schluss verabschiede ich mich von den Opfern, für die der Stolperstein verlegt wurde.

Annegret Krol, per E-Mail

Zum Fremdschämen

10. November: Jan Fedder hat einen großen Wunsche an seine Stadt. Ich will Ehrenbürger werden

Ich habe Jan Fedder bisher immer gemocht und hinter seiner bisweilen großen Klappe auch hanseatische Selbstironie gespürt. Aber was er nun dem Hamburger Abendblatt erzählt hat, ist ja wirklich zum Fremdschämen! Sein peinliches Selbstlob („Ich bin das Großstadtrevier. Und ... das wird auch so bleiben.“) steht in krassem Widerspruch zu meinem Eindruck, dass die Macher der Serie seine Auftritte zuletzt nur noch aus Pietät und Mitleid in die eine oder andere Folge „eingebaut“ haben. Inhaltlich und dramaturgisch unverzichtbar ist sein Mitwirken im „Großstadtrevier“ schon lange nicht mehr. Die Serie wird inzwischen von guten anderen Schauspielerinnen und Schauspielern wesentlich getragen. Am peinlichsten und geradezu unwürdig finde ich allerdings, dass Jan Fedder sich selber als Kandidat für die Ehrenbürgerwürde vorschlägt. Und dass bei ihm eine geschenkte Mütze von Helmut Schmidt gewissermaßen neben der Unterhose von Idi Amin ihren Platz gefunden hat, ist aus meiner Sicht nicht originell, sondern einfach nur stillos. Es tut mir sehr leid für Jan Fedder, dass er offenbar nicht in Würde altern und sich aus dem Scheinwerferlicht zurückziehen kann.

Hans-Jörg Bieger, Hamburg

Ein Botschafter für Hamburg

Wenn es ein Hamburger Original gibt, das die Ernennung zum Ehrenbürger verdient hat, dann ist das Jan Fedder. Er hat – wie die Ehrenbürger Uwe Seeler und Helmut Schmidt – seiner Heimatstadt immer die Treue gehalten. Er ist in Hamburg in der Hafengegend aufgewachsen; er kennt sich deshalb bestens auf dem Kiez aus und ist wie kein anderer für die Rolle des Oberkommissar Matthies prädestiniert. Wir kennen ihn aber auch aus den Siegfried-Lenz-Verfilmungen „Mann im Strom“ oder „Das Feuerschiff“. Mit diesen Filmen hat er uns sehr berührt und sich so zum Botschafter für Hamburg, Elbe und ganz Norddeutschland gemacht. Alle Hamburger sind ihm zu großem Dank verpflichtet.

Jochen Hinrichs, Bargteheide

Am Bürger vorbei

10. November: Warum man im Winter nicht draußen sitzen darf. In den Bezirken Mitte und Nord ist Außengastronomie in den kalten Monaten verboten. Dehoga findet Regelung „nicht nachvollziehbar“

Das kann es wirklich nur in Deutschland geben ... Ich frage mich immer, ob die Leute vom Bezirksamt sich bei der Durchsetzung dieses Schwachsinns nicht wirklich blöd vorkommen. Es zeigt sich doch immer mehr, dass die Leute bei jeder nur möglichen Wetterlage, selbst in Wolldecke gehüllt, draußen sitzen möchten. Und wenn ich mich im Urlaub in unseren europäischen Nachbarländern so umgucke, denke ich immer: Wie wunderbar! Wo nur ein Stuhl hinpasst, kann und (vor allem) darf man draußen sitzen! Also, liebes Bezirksamt Hamburg Mitte: Gibt es wirklich keine größeren Probleme für Sie zu lösen, als uns Bürgern das bisschen Freude am Draußensitzen auch noch zeitweise verbieten zu wollen? Toleranz ist gefordert. Und warum bedarf es überhaupt für alles eine förmliche Genehmigung? Man sieht ja, was dabei rauskommt – völlig am Bürger vorbei!

Gitta Uther, Seevetal

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