Hamburgs Gängeviertel

Wie eine Stadt ihre Geschichte wegsaniert

Bravo, Herr Gretzschel, endlich, endlich, wenn auch viel zu spät, wird einmal in größerem Umfang Ihren Lesern vor Augen geführt, wie rüde die Verantwortlichen schon seit Jahrzehnten ihre einst so schöne Stadt zerstören. Vielleicht rüttelt Ihr Artikel auch die vielen Gleichgültigen auf. Private Initiativen, die wiederholt versuchten, sich Gehör zu verschaffen, konnten nichts ausrichten. Ich bezweifle allerdings, genau wie Sie, daß sich etwas ändern wird. Mir reicht auch nicht, daß man ab und zu eine Fassade, z.B. Hotel Prem, ehem. Gewerkschaftshaus etc. erhält, wenn dann die inneren, ebenfalls baugeschichtlich erhaltenswerten Strukturen radikal verändert werden oder wie neuerdings häufiger zu sehen, unsensible Glasgeschosse den historischen Bauten aufgestülpt werden. Die Neuen Bundesländer haben in kürzester Zeit begriffen, welches Potenzial für die Zukunft in der Herrichtung ihrer verloren geglaubten Geschichte steckt. Das bei uns immer wieder aufgeführte Argument, daß Restaurierungen zu teuer und daher der Abriss zwingend ist, scheint dort nicht zu greifen. Allen Lesern, die Ihre Meinung teilen, empfehle ich das Buch „Hamburg vor 100 Jahren“ in Verbindung mit Ihrem Artikel zu lesen. Wem bis dahin noch nicht das Herz gebrochen ist, wird es spätestens dann erleben.

Renate Wobbe, Aumühle

Sehr geehrter Herr Gretzschel! Danke für Ihren Artikel, der das Bauwesens dieser Stadt wahrheitsgemäß beschreibt und dokumentiert. Ihr Artikel trifft genau den Geist dieser Stadt. Nicht den Hanseaten fehlt das Geschichtsbewußtsein, es ist die Gruppe der Machthabenden und derer, die vom Abriss und Neubau profitieren, die ohne Rücksicht auf die Bevölkerung und gegen deren Willen der Stadt ihr Gesicht nehmen und sie zu einer beliebigen geschichtslosen Großstadt machen. Es geht nicht um Kontinuität und langfristigen Nutzen, sondern schnellen Profit. Neben historisch schönen Ensembles wie in der Neustadt an der Peterstraße stehen jetzt gewaltige disproportionale Hotelkomplexe, so dass die alten architektonischen Schönheiten dahinter verschwinden und ihre Wirkung auf das Flair der Stadt verlieren. Wo dies noch nicht geschehen ist, wartet die Planung schon darauf neue Monstrositäten erstellen zu können, wie beispielsweise am Großneumarkt. Über das Zusammenspiel von Architektur und ihrer Wirkung auf die Gesellschaft scheinen sich die einflussreichen Planer dieser Stadt keine Gedanken zu machen oder sie wollen die Bewohner zu Marionetten des Kapitalismus machen, ohne Bewußtsein für den Ursprung und die Entwicklung Hamburgs. Die Bürger haben kaum Einfluss. Sie können Entwicklungen kurzfristig verzögern oder bekommen kleine Zugeständnisse zugesprochen, aber das Wesentliche läuft ohne sie ab. Langfristig führt dies dazu, dass sich bei den Menschen eine Identifikation mit dieser Stadt nicht mehr entwickelt oder diese verloren geht, da Hamburg seine Identität verliert. Es verwundert nicht, dass viele Menschen in Hamburg politikverdrossen sind. Wenn man Menschen den Einfluss auf die Gestaltung ihrer Umwelt nimmt, dann sehen sie keinen Sinn darin, Volksvertreter zu wählen, deren Tun sie als gegen ihre Interessen gerichtet sehen. Langfristig wird sich die Veränderung unserer Stadt, so sie denn nicht endlich eine andere Richtung nimmt, auch negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung Hamburgs auswirken. Eintönige Glasbauten ziehen keine Touristen an, in einer kalten einförmigen Stadt entwickelt sich keine Kultur, die Abwanderung mancher Branchen nach Berlin, kommt nicht von ungefähr und ist der Anfang. Es ist zu hoffen, dass endlich ein Schnitt gemacht wird und die Politiker dieser Stadt Gefühl und Verstand einsetzen, um zum Wohle Hamburgs zu handeln, so dass auch die Nachwelt an dieser Stadt noch Freude hat. Vielleicht sollte man den Damen und Herren Politikern einmal die lateinische Inschrift, die über dem Rathausportal prangt, ins Deutsche übersetzen?

Mit freundlichen Grüßen,

Charlotte Lee, per Mail

Hut ab für diesen Artikel! Der Verfasser spricht mir aus dem Herzen. Hamburg hat unglaublich viel wertvollster Bausubstanz durch die Zerstörung im Krieg verloren, was aber danach geschah, vor allem in den 60-70 Jahren, durch die Errichtung völlig unpassender Bebauung spottet jeder Vorstellung. Wenn ich dann noch erfahre, daß das Unileverhaus (unpassendere Archtektur neben der Laeisz-Halle ist kaum vorstellbar) auch noch unter Denkmalschutz steht, bezweifele ich ernsthadt den Verstand der Verantwortlichen in der Stadtplanung. Wenn ich dann noch erfahre, daß das neue Hotel neben der Rentzelbrücke von einem "anerkannten Stararchitekten" entworfen wurde, bleibt mir die Spucke weg. Aber: Schuldig sind nicht die Architekten, die Schuldigen sind die Erlaubnisgeber in den Baubehörden. Abreissen! Alles abreissen!!! Und bestrafung der Schuldigen.

Kai Krüger, per Mail

Sehr geehrte Damen und Herren,

Vielen Dank für den informativen Artikel von Matthias Gretzschel. Spannend geschrieben und gut recherchiert. Fassungslos macht allein die Tatsache, daß die sogn. Bausünden heute noch weitergehen. Die Initiative" komm in die Gänge" macht darauf aufmerksam und kann hoffentlich den 80%igen Abriß verhindern. Perfide ist jedoch, daß das in der gleichen Straße stehende Unileverhaus als Bausünde der Vergangenheit (1964) abgebildet ist, ohne über die Sünde zu schreiben, die heute ganz aktuell dort passiert. Zur Information: das Unileverhaus (Unilever hat es übrigens verkauft und ist in die attraktivere Speicherstadt gezogen!) wird von den neuen skandinavischen Besitzern um 2 Stockwerke aufgestockt um mehr Bürofläche zu haben, obwohl es schon 25 !! Stockwerke hoch ist. Das ist absurd, denn die Hamburger Neustadt hat mehr leerstehende Büros als je zuvor. Aber absurder ist , dass direkt neben diesem schrecklich häßlichen Hochhaus noch ein genau so fürchterliches Gebäude z.Zt in Bau ist . Nicht ganz so hoch, aber wesentlich breiter und länger. Die neobarocke Musikhalle (Laeiszhalle) ist dann für alle, die aus der Innnenstadt zu Fuss oder mit der Bahn kommen, hinter diesen neuen Glaskästen verschwunden. Wer erlaubt so etwas? ??? Und was nützt es, wenn erst wieder in 40 Jahren darüber von einer weiteren Bausünde gesprochen wird? Wäre es nicht besser, gleich Bausünden zu vermeiden, als hinterher sich darüber zu echauffieren? Das gleiche trifft auf das Hotel zu, das in den neuen Glaskasten kommt. Hamburg hat ein jetzt schon ein Überangebot an Hotelzimmern. d.h. bei geringerer Auslastung der einzelnen Hotels sinken die Zimmerpreise. Sinkende Hotelpreise bedeuten geringeren Lohn für die Hotelangestellten. Der Lohn bewegt sich jetzt schon auf einem Hartz 4 -Niveau. Armes Hamburg!!!

Mit freundlichen Grüßen

Karin Wilsdorf, Hamburg

Als oller Berliner, der schon Jahrzehnte in dieser Region lebt, ärgere ich mich durchaus so manches Mal über die eine oder andere Hamburger Marotte, so z.B. über den Straßenbahn-Tick (anstatt sich 'mal mit dem O-Bussystem zu befassen) oder die Rotklinkermanie einiger Leute. Ich glaube aber, daß der Autor mit seinem aufrüttelnden Artikel doch nicht ganz gerecht mit den Hamburgern umgeht. Natürlich ist es ärgerlich und gewiß ein Versäumnis der Planer, wenn ein alter Baubestand hier und ein anderer dort verloren geht. Natürlich sind Fassaden, die alles wie Dortmund um 1970 aussehen lassen, ärgerlich. Fest steht doch aber, daß sich die Hamburger Planer im Kernbereich der Stadt nach dem zweiten Weltkrieg große Mühe gegeben haben, eine historisierende Bebauung mit Erinnerungspotenzial an einstige Hanseatenzeiten durchzusetzen. Trotz einiger Verluste ist die gesteuerte Wiederbebauung um die Binnenalster herum zumindest in Europa einzigartig schön. Als weitestgehend schön empfinde ich auch die gesamte Innenstadt im weiteren Umkreis der Binnenalster. Das gilt vor allem auch, weil dort der finstere Rotklinker nicht dominiert. Den Wert eines solchen nach dem Krieg fast "aus einem Guß" wieder errichteten Stadtzentrums schätze ich als bedeutender ein als den Erhalt einzelner Milieu-Inseln inmitten moderner Bebauung - womit ich deren Beseitigung nicht das Wort geredet haben möchte.

Freundliche Grüße,

Bernd Wenzel, Buchholz

Sehr geehrte Redaktion,

(pardon, leider fehlt mir die Zeit ausführlicher zu antworten) herzlichen Dank für den Beitrag "Wie eine Stadt ihre Geschichte wegsaniert" von Matthias Gretzschel. Meiner Auffassung nach ist ein Erhalt der letzten historischen Bauten im Gängeviertel schlicht ohne Alternative.

Dank auch für die Beiträge "Deutsche sind politischer als ihr Ruf" von Irene Jung und "Hamburger Bürokratie stoppt Kita" von Vanessa Seifert, die ich aufmerksam und mit großem Interesse gelesen habe.

Mit freundliche Grüßen

Markus Erich-Delattre, Hamburg

Ein aktuelles Beispiel, wie der Hamburger Senat,die zuständige Behörde BSU, die CDU/GAL Koalition im Bezirk Altona und die stadteigene SAGA mit historischen Bauten verfährt,ist der geplante Abriß der Elbtreppenhäuser in Neumühlen. Über Jahre ließ die SAGA die Häuser verfallen,ließ freiwerdende Wohnungen unbewohnbar machen und benutzt jetzt den schlechten Zustand des Ensembles als Argument für den Abriß eines Großteils der Häuser .Auch in der Vergangenheit ging die SAGA sehr erfolgreich so vor,zB. Abriß des Geburtshauses von Carl Hagenbeck auf St. Pauli. Das Ensemble Elbtreppe stellt den letzten Rest der ursprüngliche Wohnbebauung im Bereich der durch Glas/Stahl und Beton geprägten sog. „Perlenkette“ am Elbufer dar. An Stelle der historischen,städtebaulich wichtigen Häuser soll ein massiver Neubaukomplex entstehen,der sich nahtlos in die davorliegende Zweckbebauung einfügt. Die Vorgehensweise der Saga gleicht der eines spekulativen Investors aufs Haar.Eine Mieterinitiative und viele interessierte Bürger versuchen seit mehreren Jahren den Abriß zu verhindern und das Ensemble im Interesse aller Hamburger zu erhalten. Es kann nicht sein.daß die Hamburger Politik jetzt das nachholt ,was die Bomben des 2.Weltkriegs und der Abrisswahn der Nachkriegszeit nicht geschafft haben.

Mit frdl.Grüßen

Karsten Schnoor, Hamburg