ARD-Talk

"Hart aber fair": "Sklaverei" - Gast rechnet mit Queen ab

| Lesedauer: 6 Minuten
Karina Krawczyk
Neuer hart-aber-fair-Moderator: Das ist Louis Klamroth

Neuer hart-aber-fair-Moderator: Das ist Louis Klamroth

Der deutsche Fernsehmoderator Louis Klamroth wird das neue Gesicht von hart aber fair. Ab Januar 2023 löst er Frank Plasberg ab.

Beschreibung anzeigen

Nach der Beerdigung von Queen Elizabeth II. diskutiert "Hart aber fair" die Zukunft des Königsreichs. Doch es gibt auch heftige Kritik.

Berlin. Es konnte nur eine überflüssige Sendung bei "Hart aber fair" werden. Nach neun Stunden Live-Übertragung der Queen-Beerdigung und einer 45-minütigen Zusammenfassung direkt nach der ARD-Tagesschau versuchte Frank Plasberg mit seinen Gästen zu ergründen, warum das britische Königshaus so viel Aufmerksamkeit erhalte.

Doch anstatt das selbstkritisch und ehrlich zu analysieren, wechselte der Talk im Kölner Studio am Montag zwischen zwei Gesprächsmodi: unverhohlener Bewunderung für Queen Elizabeth II. und ihr Staatsbegräbnis – "What a day!" (Plasberg) – und reiner Stammtisch-Spekulation, wie das Vereinigte Königreich überleben sollte. Schließlich sei die "ewige Queen" nun nicht mehr da, um alle zu einen.

"Hart aber fair": Diese Gäste waren dabei

  • Mareile Höppner, Adelsexpertin und Moderatorin
  • Katarina Barley (SPD), Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments
  • Bertram Graf von Quadt zu Wykradt und Isny, Journalist und Adeliger
  • Sascha Lobo, Kolumnist und Autor
  • James Hawes, Britischer Schriftsteller

Plasberg-Talk: Royals haben Sympathie – noch

Am meisten schien das Mareile Höppner zu bedauern. Höppner ist Moderatorin und Adelsexpertin bei "Brisant". Bei vielen ihrer Royals-Drehs habe sie festgestellt, dass sich "vom Punker bis zum Banker" alle allein auf die Queen als verbindende Leitfigur verständigen konnten, erzählte sie. Nun sah die Moderatorin große Herausforderungen auf König Charles III. zukommen: Immerhin genieße der bei seinen Untergebenen weit weniger Ansehen als seine verstorbene Mutter.

Wird er die "Welle der Sympathie", die die Royals gerade erleben, für sich nutzen können? Und überhaupt: Kann er, der schon austickt, wenn sein Füller ausläuft, die "Fliehkräfte" im Commonwealth so gut beherrschen wie seine Mutter? Australien, Kanada und andere Länder überlegen schließlich bereits, den Bund zu verlassen.

Schon für Oktober 2023 plant Schottland ein Referendum, bei dem sich entscheidet, ob das Land weiterhin zu Großbritannien gehören will. Und Nordirland braucht noch nicht einmal die Genehmigung der britischen Regierung, um sich der Republik Irland anzuschließen und in die EU zurückzukehren: Wenn das Volk nur wollte…

"Hart aber fair": Macht Charles den Brexit rückgängig?

Wäre das nicht ohnehin eine lohnende Aufgabe für den neuen König, die Briten zu einem Exit vom Brexit zu bewegen? Bei der blauäugigen Frage von Frank Plasberg blieb Katarina Barley (SPD) skeptisch: Schon per Verfassung wäre es dem König nicht erlaubt, sich in der Öffentlichkeit politisch zu äußern, erinnerte sie.

Nicht nur deshalb eingeladen, weil sie wegen ihres britischen Vaters halbe Engländerin ist, sollte die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments auch einschätzen, welche Chancen Schottland nach einem erfolgreichen Referendum hätte: Könnte das Land als eigenständiger Staat in die EU eintreten? "Das ist schwierig", erklärte Barley. "Selbst, wenn es superschnell geht, brauchen wir drei Jahre." In dieser Phase wäre das Land ohne Bündnis und auf sich selbst gestellt.

"Selbst dann aber wird Charles König von Schottland bleiben", war sich Bertram Graf von Quadt zu Wykradt und Isny sicher. Zugeschaltet aus Baden-Baden als Vertreter des deutschen Adels mit dem bürgerlichen Beruf eines SWR3-Redakteurs, warb er vor allem um mehr Verständnis für den Thronfolger von Elizabeth II., seine Rolle zu finden: Charles habe erst vor 10 Tagen seine Mutter verloren, trauere also noch, und stehe doch sofort im Schlaglicht der Öffentlichkeit.

Sklaverei und Menschenhandel: Kolumnist will Queen nicht nachweinen

Kolumnist Sascha Lobo hatte gar kein Verständnis für das Spektakel dieses denkwürdigen Tages. Und eine "emotionale Bindung" zu Queen Elizabeth II. schon gar nicht: "In den 70 Jahren ihrer Regentschaft hat sie es nicht einmal geschafft, sich für Sklaverei und Menschenhandel maßgeblich zu entschuldigen", entrüstete er sich bei "Hart aber fair".

"Die Frau hatte Macht", stellte Lobo knapp fest. Bei 160 Gesetzen, so seine Recherche, hätte sie politisch darauf eingewirkt, dass für ihre Familie nicht galt, was für alle anderen Standard war. So musste King Charles III. nun keine Erbschaftssteuer auf sein neues Vermögen zahlen. Tatsächlich geht diese Regelung aber auf den früheren konservativen Premierminister John Major zurück: Der hatte die Entscheidung 1993 damit begründet, dass das Vermögen der Royal Family bei einer Erbschaftssteuer über Generationen hinweg zerstückelt würde.

Dennoch: Anders als "jeder zweite Brite", wollte der deutsche Kolumnist der britischen Königin keine Träne nachweinen. Als Vorbild wäre Lobo die Grünen-Politikerin Aminata Touré weit lieber, sagte er. "Bitte wer?", fragte Frank Plasberg, bevor er per Ohr-Knopf erfuhr, dass die Sozial-Ministerin gemeint war: Laut Lobo Deutschlands "allererste Führungsfigur mit schwarzer Hautfarbe".

"Hart aber fair": Queen-Beerdigung als Abschied vom Status Quo

Mit bitterem Humor äußerte sich auch der britische Schriftsteller James Hawes. Nach dem großen Tam-Tam der Queen-Beerdigung befürchtete er, dass seine Landsleute am Folgetag "mit einem Kater aufwachen". Bisher hätten sie erfolgreich die schwierige wirtschaftliche Post-Brexit-Lage verdrängt, in der Zahnärzte massenhaft das Land verließen und Supermarkt-Regale oft leer blieben, weil LKW-Fahrer fehlten.

"Wir Briten sollten diesen Tag als Abschiedstag begreifen", forderte Hawes, "und endlich erkennen, dass wir zwar einen anständigen, aber nur bescheidenen Platz in Welt haben." Eine Aussage, die nach der Dauer-Berichterstattung über den Tod der britischen Monarchin möglicherweise wünschenswert, aber mindestens hinterfragbar ist.

"Hart aber fair": Das waren die vergangenen Sendungen

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: TV & Medien