TV-Kritik

„Biographie des Bösen“: Gutes Thema, schlecht erzählt

Lesedauer: 3 Minuten
Karina Krawczyk
Jack Unterweger, wegen Mordes verurteilter Straftäter.

Jack Unterweger, wegen Mordes verurteilter Straftäter.

Foto: Nikolaus Similache / ZDF und Nikolaus Similache

Die Doku „Biographie des Bösen“ versucht, das Böse in Menschen zu ergründen. Leider ist sie ein Beispiel für schlechtes Storytelling.

Essen. Das Böse ist unsichtbar. Unheimlich. Unfassbar auch. Und wer „Biographie des Bösen“ von Gerrit Jöns-Anders folgt, den ZDFinfo am Samstagabend (21.45 Uhr) zeigt, kriegt das Böse-Wort nicht mehr aus dem Kopf. So oft wird es von der sonoren Off-Stimme wiederholt, beschworen fast. Als lauere das Böse hinter jeder Ecke, um sein nächstes Opfer, den Zuschauer, unerwartet zu überfallen.

Diese Dämonisierung tut dem Film nicht gut. Denn das Böse ist weder ein handelndes Subjekt noch ein Gefühl, sondern eine moralische Kategorie.

Als unbestimmter, vielfältig interpretierbarer Begriff lässt sich das Böse auch schwer bebildern. Die Kamera versucht es mit verschwommen-unruhigen, oft blutrot eingefärbten Aufnahmen kämpfender Wildtiere. Das aber schafft höchstens Furcht – vor dem Bösen. Und der Zuschauer, beunruhigt durch die eigenen unguten Gefühle, möchte lieber weiterzappen.

Effekthascherische Tricks untergraben Wirkung der Experten

Böse gesagt, ist die „Biographie des Bösen“ ein ziemlich gutes Beispiel für ziemlich schlechtes Storytelling. Die effekthascherischen, Gefühle hervorrufenden Tricks untergraben nur die Wirkung der Forensiker und Verhaltenspsychologen, die zwischendurch zum neusten Stand der Aggressionsforschung befragt werden. Dabei sind ihre Aussagen gerade Grund und Anlass, warum sich diese Wissenschafts-Doku mit dem Thema befasst.

Serienmörder in den USA:

Als wenn das Rätsel, das die Menschheit seit Kain und Abel beschäftigt, nicht schon spannend genug wäre: Wodurch wird jemand zum Mörder, zum massenmordenden Attentäter gar? Und kann aus jedermann/ jeder Frau so ein Monster werden?

Drei Faktoren prägen das menschliche Verhalten

Als Beispiel für eine solche „Biographie des Bösen“ dient Anders Behring Breivik. Der Mann, der 2011 in die Geschichte Norwegens als „Killer von Utøya“ einging, nachdem er an nur einem Tag 77 Menschen tötete.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass es drei Faktoren sind, die das menschliche Verhalten prägen: Gene, Umwelt und die individuelle Situation. Alle drei Faktoren wirken zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Sie können sich also verstärken oder neutralisieren, je nachdem welche Erfahrungen dominieren.

Wer also das Pech wie Anders Breivik hat, von einer Mutter mit Borderline-Persönlichkeitsstörung geboren zu werden. In seiner Kindheit emotional vernachlässigt wurde, auch später keine Freunde fand. Stattdessen verhöhnt wurde und letztlich mit allen Versuchen scheiterte, ein gutes Leben zu führen.

„,Böses Handeln gibt es an sich nicht“

Dann kann sich so ein Mensch radikalisieren und zum Attentäter werden. Muss er aber nicht. Er könnte auch Hilfe bekommen, eine Therapie machen. Nur eine Entschuldigung für sein anti-soziales Verhalten ist eine solche Biographie nie.

Allgemein lässt sich laut Verhaltensforschung sagen: Kein einzelnes Ereignis hat noch jemals jemanden zum Monster gemacht, selbst das schlimmste Trauma nicht. Und sowieso: „,Böses Handeln‘ gibt es an sich nicht“, erklärt Epigenetikerin Anke Köbach. Da wird jeder, der schon einmal ein Buch in die Hand genommen hat, und sei es einen guten Psychothriller, ihr zustimmen: „Jeder handelt in seiner Realität oder biologischen Konzeption.“

• Samstag, 10. Oktober, 21.45 Uhr, ZDFinfo: „Die Biografie des Bösen“