ZDF-Talkshow

Hayali: „Hass betrifft uns alle – direkt oder indirekt“

Dunja Hayali geht fünfmal als Urlaubsvertretung von Maybrit Illner auf Sendung. Heute zu Gast: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Dunja Hayali geht fünfmal als Urlaubsvertretung von Maybrit Illner auf Sendung. Heute zu Gast: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Foto: Marcus Höhn / ZDF

Fernsehmoderatorin Dunja Hayali über Rassismus, ihre neue Sommer-Talkshow, die heute im ZDF startet, und ihr privates Glück.

Hamburg. Heute geht es wieder los: Dunja Hayali (46, „Das aktuelle Sportstudio“) sendet live aus Berlin die erste von fünf eigenen Talkshows im ZDF. Motto: „Herz, Haltung, Hayali“. In der ersten Sendung geht es um Corona im Altersheim. Gast im Einzelgespräch ist Siemens-Chef Joe Kaeser. Im Abendblatt verrät Dunja Hayali, wo ihr zweites Zuhause ist, was sie von impertinenten Gesprächspartnern und Welpenkäufern in Zeiten von Corona hält.

Hamburger Abendblatt: Frau Hayali, wie sind Sie durch diese ungewöhnliche Zeit gekommen?

Dunja Hayali: Ganz unterschiedlich. Wie viele andere habe auch ich Schwankungen erlebt, manchmal von Tag zu Tag, dann wieder von Stunde zu Stunde. Aber dann habe ich mich immer wieder geschüttelt, weil mir bewusst wurde: Ich kann morgen noch meine Miete zahlen und habe übermorgen noch meinen Job.

Hat Ihnen in dieser Zeit etwas Trost gespendet?

Hayali: Ich hatte mein eigenes kleines Format auf meinem privaten Instagram-Account, eigentlich war es ein Zufallsprodukt. Ich hatte zu Beginn der Pandemie eine Lesung abgesagt, daraufhin habe ich die Lesung einfach auf Instagram angeboten. Daraus sind mittlerweile fast 90 Gespräche geworden, jeden Abend „auf eine halbe Stunde mit ...“. Und zwar mit jeweils einem prominenten Gast, und einmal die Woche hole ich einfach Zuschauer dazu. Es kam zu ganz wunderbaren Gesprächen: mit Maren Kroymann über Feminismus, mit Annabelle Mandeng über Rassismus, mit Ralph Brinkhaus über Glaube, mit Igor Levit über Abgründe, mit Guido Maria Kretschmer über Familie und Homosexualität, mit Sara Nuru über Sexismus und Kaffee. Es hat mir ein gutes Gefühl gegeben, dass viele das gepflegte Gespräch zwischen zwei Menschen schätzen, die sich zuhören, respektieren, die nachfragen und empathisch sind. Das hat mir gut gefallen, in diesem lauten Getöse, der Zuspitzung und Übertreibung in den Medien.

Welche Themen packen Sie in Ihren neuen Sendungen an?

Hayali: Es geht um die Pflege. Das wird der Auftakt der Fünferstaffel sein. Der Bundesgesundheitsminister wird kommen, und natürlich Menschen aus der Praxis, wie zum Beispiel eine Pflegekraft.

Ändert sich etwas an der Form der Sendung?

Hayali: Wir kümmern uns weiterhin 45 Minuten um ein Thema, das wir aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Zusätzlich wird es noch ein Eins-zu-eins-Gespräch geben, das habe ich mir schon länger gewünscht. Mir ist wichtig, dass diese Gespräche von Zuhören und gegenseitigem Respekt geprägt sind – gleichzeitig ist klar, dass hartnäckiges Nachfragen und auch das Ansprechen unangenehmer Themen zu meinem Job dazugehören.

Wie leicht oder schwer fällt es Ihnen, tolerant zu sein, wenn Ihr Gesprächspartner völlig abstruse Ansichten vertritt zu Themen, die Ihnen am Herzen liegen?

Hayali: Ich nehme erst mal jeden Menschen ernst. Mich interessiert, wie er zu seinem Denken gekommen ist. Ich will verstehen wollen, ohne automatisch Verständnis zu haben. Aber klar, auch ich bin nicht immer souverän in solchen Diskussionen. Auch ich mache da Fehler. Pro­blematisch wird es, wenn mein Gegenüber nicht zuhört, nur sendet, unterstellt oder sich über mich lächerlich macht, dann sage auch ich manchmal auf Twitter: Das Gespräch ist jetzt beendet.

Wie groß ist für Sie der Quotendruck?

Hayali: Es wäre gelogen zu sagen, er spielt überhaupt keine Rolle. Wir machen ja Sendungen für Zuschauer. Wenn nur zwei gucken, muss man sich schon fragen, ob man das richtige Thema hat.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Hat die Corona-Krise unsere Gesellschaft verändert?

Hayali: Wir sind alle mit mehr Rücksicht und Fürsorge mit einander um- und aufeinander zugegangen. Mir war aber klar, dass das nicht lange anhalten würde. Irgendwann kamen die verschiedenen Egoismen doch wieder zum Vorschein. Aber wir haben gesehen, wir können, wenn wir wollen.

Sie gelten als großer Hunde-Fan. Wie finden sie es, dass Welpen in den vergangenen Wochen oft ausverkauft waren?

Hayali: Ich habe das mit ein bisschen Erschrecken wahrgenommen. Es gibt bestimmt Leute, die schon immer einen eigenen Hund haben wollten und dachten: Ich habe jetzt frei, ich habe Zeit. Auf der anderen Seite habe ich gehofft, dass es nicht der gleiche Reflex ist, wie zu Ostern oder Weihnachten, wenn Kinder ein „Kuscheltier“ wollen. Also gibt es mal eben den Hund. Ich hoffe, dass es dazu nicht kommen wird.

Sie haben auch eine sehr sportliche Seite, haben Tennis, Fußball, Volleyball und Judo betrieben. Was ist davon nachgeblieben?

Hayali: Auf dem Sofa sitzen und Serien gucken. Ansonsten bin ich glücklich und ganz bei mir, wenn ich Wellenreiten gehen kann. Das ist meine Meditation. Wasser ist mein Element, das Telefon ist nicht greifbar – perfekt. Blöd daran ist, dass ich dafür fliegen muss, und ohne Wilma, meinen weißen Golden Retriever, reise. Einmal im Jahr gönne ich mir eine Fernreise nach Sri Lanka. Da fahre ich seit zehn Jahren hin, habe dort Freunde und ein erweitertes Zuhause. Ich liebe das Essen, die Tierwelt, die Natur, die Menschen und die Kultur. Zudem hat der Buddhismus eine gewisse Faszination auf mich.

Sie sind für Ihr Engagement gegen den Rassismus ausgezeichnet worden. Haben Sie den Eindruck, Sie kämpfen gegen Windmühlen, wenn Sie Nachrichten aus den USA sehen?

Hayali: Ich weiß keine Alternative, als immer weiter dagegen vorzugehen, aufzuklären, Menschen zu sensibilisieren, sie mitzunehmen. Und genau das passiert ja auch gerade bei uns. Menschen haben ein Ohr, sie wollen verstehen und lernen. Sie fragen und sie hinterfragen sich. Also ist die aktuelle Debatte wirklich eine echte Chance. Und während jeder an sich arbeiten kann, ist es aber auch wichtig, gegen den strukturellen Rassismus bei uns in Deutschland vorzugehen, den es z. B. bei der Arbeits- und Wohnungssuche auch immer wieder gibt. Aber bei allem Bemühen und Fortschritten, die es bei uns gibt, ist eines auch klar: Wir werden mit Rassisten und Faschisten immer leben müssen, aber sie kleinzuhalten sollte die Aufgabe jedes Demokraten sein. Denn wir alle sind von Hass, Ausgrenzung und Rassismus betroffen – direkt oder indirekt. Es sickert in unsere Gesellschaft ein und wirkt wie Gift.

Gibt es eine Krise des Journalismus? Ist unser Beruf in Gefahr?

Hayali: Der Informationsbedarf ist hoch. Die Leute schalten vermehrt renommierte Nachrichtensendungen ein und lesen die verlässlichen Printmedien. Aber ich habe anhand meiner eigenen Person in den vergangenen Jahren auch echt schlechten Journalismus erfahren, dass ich sagen würde: Ja, hier müssen wir noch sorgsamer, sorgfältiger und präziser arbeiten und an der ein oder anderen Stelle etwas weniger Zuspitzung, Verkürzung, Polarisierung und Polemik wäre – auch im journalistischen Sinne – gut.

„Dunja Hayali“:22.15 Uhr, ZDF