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Fünf Gründe, warum dieser Kölner "Tatort" so gut war

„Tatort: Kein Mitleid, keine Gnade“: Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) konfrontieren die Lehrerin Frau Wessel (lnes Marie Westernströer) mit dem Foto des Toten.

„Tatort: Kein Mitleid, keine Gnade“: Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) konfrontieren die Lehrerin Frau Wessel (lnes Marie Westernströer) mit dem Foto des Toten.

Foto: Thomas Kost / WDR

Ballauf und Schenk ermittelten unter Gymnasiasten – ein packender Fall. Das lag auch an einem Schauspieler und einem Vogel.

Köln. Es ist eine bedrückende Geschichte, mit der es die Kölner „Tatort“-Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) zu tun bekamen: Vor einer baufälligen Villa wird der 17-jährige Jan ermordet aufgefunden.

Die Ermittlungen führen in die Schule des Jungen, wo das Opfer offensichtlich wegen seiner Homosexualität gemobbt wurde – und wo Kommissar Schenk bald auch selbst zum Mobbing-Opfer wird. Fünf Gründe, warum die neue Folge aus Köln weit über dem Durchschnitt der Sonntagabend-Krimis liegt.

1. Thomas Prenn spielt den Freund des Opfers im Kölner „Tatort“

Thomas Prenn ist dem Zuschauer vielleicht noch aus der Freiburger „Tatort“-Folge „Damian“ in Erinnerung, die Ende 2018 ausgestrahlt wurde (Regie: Stefan Schaller). Darin spielt er den psychisch labilen Jurastudenten Damian Rombach, der als Doppelmörder verdächtigt wird.

Auch im aktuellen „Tatort: Kein Mitleid, keine Gnade“ stellt Prenn überzeugend einen hochgradig ambivalenten Menschen dar: Paul, den Freund des Mordopfers. Der 1994 in Innichen (Südtirol) geborene Prenn absolvierte 2018 die Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin, wo er auch lebt. Im März 2019 wurde auf Sky Deutschland die Miniserie „8 Tage“ ausgestrahlt, wo er in einer Nebenrolle zu sehen ist.

2. Der „Tatort“ hat eine ausgeklügelte Farbregie

Der 1966 in Darmstadt geborene Gunnar Fuß war der Kameramann dieses „Tatorts“ und hat ihm eine unverkennbare, atmosphärisch dichte Signatur verliehen: Die drückend trostlosen Farben der Szenenhintergründe (die kahlen Bäume an der Villa, die schwarzen Krähen, das Grau der Schule und der Räume im Kommissariat) kontrastieren immer wieder mit gekonnt gesetzten, leuchtenden Farben, die teils leitmotivisch eingesetzt werden. Die rote Jacke des Mordopfers wird gleich in der nächsten Szene aufgegriffen, als die Kamera Paul von hinten bei seinem Weg in die Schule folgt.

3. „Kein Mitleid, keine Gnade“ greift überzeugend aktuelle Themen auf

An ihrem Auftrag, gesellschaftspolitisch relevante Fragen einzubeziehen, haben sich schon viele „Tatort“-Folgen verhoben. Diesem gelingt es auf unaufdringliche, überzeugende Weise (Drehbuch: Johannes Rotter). Das Problem der Homophobie wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: Zum einen als Restbestand falsch verstandener, menschenfeindlicher Traditionen, aber auch als alltägliches Mobbinginstrument unter Schülern. Dass Freddy Schenk sich gegen die Behauptung wehren muss, die Schülerin Nadine (Emma Drogunova) begrabscht zu haben, bezieht die Ermittler in das gesellschaftlich hochaktuelle Problem des Cyber-Mobbings ein.

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4. Auch der Tierfreund kommt voll auf seine Kosten

Die Krähe hat kulturgeschichtlich schon so oft als Bote schlimmer Vorzeichen herhalten müssen, dass man sie eigentlich mal in den Ruhestand schicken sollte. Hier aber sind die Vögel Gegenstand eines handfesten Forschungsprojekts im Biologie-Leistungskurs: Es geht um Krähenhybriden in der Überschneidungszone, genauer: um eine Mischform aus Raben- und Giebelkrähen, die nur in bestimmten Gebieten vorkommt. Die Schüler erforschen und dokumentieren sie. So ergibt das Motiv Sinn. Und im Schulzoo kommen auch noch ein paar Hühner und ein Hase vor.

5. Ein Höhepunkt, den man fast nicht bemerkt: die Musik

Die Komponisten Florian van Volxem und Sven Rossenbach sind schon seit vielen Jahren ein eingespieltes Team und haben 2010 für ihre Mitarbeit an Dominik Grafs hochgelobtem Mehrteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ den Deutschen Fernsehmusikpreis erhalten. Die Klänge schleichen sich so unauffällig in die Szenen, dass man sie kaum bemerkt – um ihren Effekt dann gekonnt hervorzuheben. Dafür reicht oft ein Minimum dunkler oder melancholisch fließender Töne. Hier ist ganz wenig sehr viel.

2020 sorgte die ARD-Krimireihe bereits für Furore. Umstritten war der Neujahrs-„Tatort“ mit dem Improvisations-Krimi „Das Team“. Darin spielten zahlreiche Stars mit. Die Reaktion der Zuschauer reichte von harter Kritik bis zu Lob. Es folgte ein neuer Krimi mit Til Schweiger als Nick Tschiller – der zwar ruhiger war als frühere Schweiger-Filme, aber auch nicht ohne Effekthascherei auskam. Für Nachrichten sorgte auch der Ausstieg einer bekannten Ermittlerin der Reihe nach 17 Jahren.

Sehen Sie den aktuellen „Tatort“ aus Köln in der ARD-Mediathek.