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The Dirt

Szene aus der Verfilmung des autobiographischen Buchs der Rockband Mötley Crüe.

Szene aus der Verfilmung des autobiographischen Buchs der Rockband Mötley Crüe.

Foto: dpa

Für das alte Motto "Sex, Drugs und Rock'n'Roll" waren Mötley Crüe in den 80er Jahren das Paradebeispiel. Die Karriere der Rockband aus Los Angeles war von Exzessen und Skandalen geprägt. Jetzt zeigt Netflix den Spielfilm "The Dirt" über die ereignisreiche Bandgeschichte.

London. Mit auffälligem Make-up viel Haarspray, engen Leder- und Spandexhosen und krachendem Hardrock startete die Band Mötley Crüe in den frühen 80er Jahren in Hollywood durch.

Auf dem berühmten Sunset Strip in Hollywood machten Vince Neil, Mick Mars, Nikki Sixx und Tommy Lee in Clubs wie dem "Roxy", dem "Rainbow" oder dem "Whisky A Go Go" die Plattenfirmen auf sich aufmerksam und wurden zu Weltstars.

Sie schockierten besorgte Eltern und Kirchenvertreter nicht nur mit ihrem wilden Aussehen und mit aggressiven Songs wie "Live Wire" oder "Shout At The Devil", sondern auch mit diversen Skandalen. Erst 2015 ging die von Höhen und Tiefen geprägte Karriere der selbst ernannten "berüchtigtsten Band der Welt" mit einer großen Welttournee zu Ende. Rund drei Jahre nach der Auflösung von Mötley Crüe zeigt Netflix von Freitag (22. März) an den Film "The Dirt", der auf ihrer gleichnamigen Autobiografie basiert.

"Als ich den Film zum ersten Mal in voller Länge gesehen habe, war das wie ein Schlag in den Magen", sagt Crüe-Bassist Nikki Sixx der Deutschen Presse-Agentur. Parties, Drogen, Schlägereien, Affären, Scheidungen, eine Tournee mit Ozzy Osbourne, ein tödlicher Unfall und der tragische Krebstod von Sänger Vince Neils vierjähriger Tochter - "wir haben das alles erlebt", betont Sixx. Er sieht zwar immer noch nach Rock'n'Roll und Hollywood, dabei aber erstaunlich gesund aus.

Der heute 60-Jährige wird von Douglas Booth ("Jupiter Ascending") gespielt, "Game of Thrones"-Star Iwan Rheon gibt den seit seinem 17. Lebensjahr an Morbus Bechterew erkrankten Gitarristen Mick Mars, und Daniel Webber ("The Punisher") ist der blonde Frontmann Vince Neil. Die Show stiehlt jedoch Colson Baker, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Machine Gun Kelly. Der Rapper und Schauspieler ("Bird Box") ist genial als Crüe-Schlagzeuger Tommy Lee, dem er auch von der körperlichen Statur und in seinen Bewegungen erstaunlich ähnlich ist.

Das Buch "The Dirt" erschien 2001 und wurde ein Bestseller. Der Clou war, dass darin nicht nur die einzelnen Bandmitglieder - jeder für sich in eigenen Kapiteln - zu Wort kamen, sondern auch Ex-Kollegen, Manager und Mitarbeiter der Plattenfirma, die nicht immer gut auf die Gruppe zu sprechen waren. So wie der A&R-Verantwortliche Tom Zutaut, der die Band beim Label Geffen unter Vertrag nahm und jetzt vom Ex-"Saturday Night Live"-Comedian Pete Davidson verkörpert wird.

Der unterhaltsame Film des "Jackass"-Regisseurs Jeff Tremaine, eine gelungene Mischung aus Satire und Drama, behandelt nicht die gesamte Mötley-Crüe-Karriere. Denn damit hätte man wahrscheinlich eine Serie füllen können. "The Dirt" legt den Fokus auf die wilden 80er Jahre, den beachtlichen Aufstieg von den Clubs in die großen Hallen, die ausschweifenden Partys, den massiven Drogenkonsum und das reichlich asoziale Benehmen. "Wir waren eine Bande verdammter Idioten", gibt sich Sixx heute reuig. "Wir waren hungrige Kids, die gelangweilt waren." Er will "The Dirt" als Warnung verstanden wissen.

"Man sieht, welchen Schaden die Band genommen hat, welche Fehler wir gemacht haben und welchen Schaden wir anderen zugefügt haben", sagt er. Vor allem sich selbst schadete Sixx. Seine Heroin-Abhängigkeit hätte ihn fast das Leben gekostet. Seine Nahtoderfahrung kommt in "The Dirt" ebenso vor wie der schwere Autounfall, den Vince Neil unter Alkoholeinfluss verursachte. Dabei wurde Nicholas "Razzle" Dingley, Drummer der befreundeten Rockband Hanoi Rocks, getötet. Zwei Menschen wurden schwer verletzt. Neil kam mit 30 Tagen Haft davon und wurde sogar vorzeitig entlassen.

Die Buchvorlage liefert oft noch drastischere Details, die der Film aus gutem Grund ausspart. Dass die Geschichte "bereinigt" oder "beschönigt" wurde, so wie es Kritiker dem Freddie-Mercury- und Queen-Biopic "Bohemian Rhapsody" vorwarfen, kann man von "The Dirt" trotzdem nicht sagen. Mitunter sprechen die Protagonisten sogar in die Kamera, um zu erklären, dass sich eine Szene in Wirklichkeit anders abgespielt hat, oder um wie im Buch etwas zu kommentieren.

Die turbulente Vergangenheit und die vorübergehende Trennung von Neil und Lee zu unterschiedlichen Zeitpunkten haben Spuren und Narben hinterlassen. Immerhin: das Verhältnis der Bandmitglieder zueinander "wird besser", sagt Sixx. "Tommy und ich haben lange nicht miteinander gesprochen. Jetzt kommt er oft zu mir nach Hause und umgekehrt. Mit Vince spreche ich häufiger, und mit Mick hatte ich seit der Trennung vor vier Jahren keinen Kontakt, aber jetzt wieder."

Für den parallel erscheinenden Soundtrack des Films nahmen Mötley Crüe sogar vier neue Songs mit Erfolgsproduzent Bob Rock auf, der 1989 für ihr Erfolgsalbum "Dr. Feelgood" verantwortlich zeichnete. "Es war großartig, wieder im Studio zu stehen", schwärmt Sixx. "Wir sind eine Band, aber waren wir es lange nicht. Das war eine tolle Erfahrung, es hat sich eigentlich sehr natürlich angefühlt." Unter den neuen Songs ist "Like A Virgin", eine kuriose Coverversion des Madonna-Hits - "die dümmste Idee aller Zeiten", sagt Sixx und lacht.

Dass es anlässlich des Films noch einmal zu einer Reunion mit einer Tournee kommt, schließt der Bassist kategorisch aus. "Wir haben vertraglich abgemacht, dass wir nicht mehr touren", betont er. "Aber wenn man uns in die Rock & Roll Hall of Fame aufnimmt, würden wir vielleicht ein paar Songs entstauben und dort damit auftreten." Dass es in naher Zukunft passiert, bezweifelt er. "Man hat uns gesagt, dass wir nie in die Rock & Roll Hall of Fame kommen."