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Die Eloquenz der Gehörlosen

Virginie, die gehörlose Anwältin, in einer Szene der Dokumentation "Die Eloquenz der Gehörlosen".

Virginie, die gehörlose Anwältin, in einer Szene der Dokumentation "Die Eloquenz der Gehörlosen".

Foto: dpa

Die 37-jährige Virginie arbeitet als Führungskraft in einem Unternehmen und ist zweifache Mutter - eine scheinbar ganz normale Frau und Familie. Doch Virginie ist seit ihrer Geburt gehörlos. Eine Einschränkung, die sie anspornt, ein Vorbild für andere zu werden.

Berlin. Virginie hat etwas erreicht, das in Frankreich vor ihr noch niemandem gelang: Als erste gehörlose Frau wurde sie Rechtsanwältin. Die 37-Jährige führt trotzdem ein normales Leben, von dem sie selbst im Arte-Dokumentationsfilm "Die Eloquenz der Gehörlosen" am Dienstag (10. Juli) um 22.35 Uhr erzählt.

Virginie lebt in einer Welt, in der ein startendes Flugzeug so laut ist wie ein singender Vogel. Sie hat sich an ihre hörende Umgebung angepasst und sich über 20 Jahre hinweg eine Stimme antrainiert, die sie selbst noch nie gehört hat. Dennoch reagieren andere im Gespräch häufig irritiert auf sie. "Ich spüre die Unsicherheit des Gegenübers", erklärt Virginie. Ihre Lösung: "Ich bringe die Leute zum Lachen, dann entspannen sie sich."

So selbstbewusst war sie nicht immer. Als Kind konnte sie sich nicht vorstellen, einen Beruf auszuüben. Es gab keine entsprechenden Vorbilder. Nach dem Abitur entschied sie sich, Jura zu studieren und Rechtsanwältin zu werden. Eine der Schwierigkeiten dabei: In den Vorlesungen standen die Professoren mehrere Meter von den Studenten entfernt. Lippenlesen war dadurch unmöglich.

Bei einem Glas Wein mit ebenfalls tauben Freunden tauscht sie sich über ihre Erfahrungen aus. Über das ganz praktische Problem etwa, Lippen zu lesen, wenn das Gegenüber einen Bart trägt oder die Hand vor den Mund hält.

Trotzdem hat Virginie beruflich Erfolg, sie arbeitet als Führungskraft in einem Unternehmen, ist eine "Vorzeige-Behinderte", wie sie es sagt. Auch privat erscheint ihr Leben wie das einer normalen Familie: Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder, die allerdings auch taub zur Welt kamen. Mit ihrem Mann geht sie zusammen Kitesurfen. Er spielt Klavier, sie schöpft Kraft bei einem Spaziergang in der Natur.

Beim Abendessen erzählt ihr Sohn von den guten Erfahrungen, die er mit seinem Implantat im Ohr in der Schule gemacht hat. Er kann auf beiden Seiten hören. Auch Virginie hat ein solches Hörsystem, das aber nicht richtig funktioniert. Soll sie sich ein Neues einbauen lassen?

Regisseurin Laëtitia Moreau schafft es, diese für Hörende stumme Welt erfahrbar zu machen. Und zwar nicht nur dadurch, dass sie den Ton abdreht, sondern Alltagssituationen zeigt und Virginie selbst ihre Geschichte erzählen lässt. Im Gespräch mit Kollegen bei der Arbeit, beim Arzt oder beim Einkaufen werden die Schwierigkeiten für Gehörlose nachvollziehbar - und die kleinen für die laute Welt unsichtbaren Dinge, die Virginie viel intensiver wahrnehmen kann. Neben ihr selbst kommt auch ihr Mann zu Wort, der die Willensstärke und das Durchhaltevermögen seiner Frau bewundert.

Der 55-minütige Film lebt auch von Virginies Stimme. Klassische Interviewsituationen werden flüssig eingewebt, so dass die Doku über die gesamte Länge hinweg interessant bleibt. Der Film ist ein Plädoyer dafür, trotz Schwierigkeiten seinen eigenen Weg zu gehen. Virginie kann zwar nicht hören, hat aber viel zu erzählen. Sie hat es geschafft zu werden, was sie selbst nicht kannte: ein Vorbild für Gehörlose.

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