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Deniz Yücel bei Maybrit Illner: „Erdogan ist ein Gangster“

Ob "Anne Will", "Hart aber Fair", “Maybrit Illner“ oder “Maischberger“: Polit-Talkshows prägen unsere politischen Debatten. Fünf Dinge, die man über dieseTalkshows wissen muss.

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Die Türkei ist für die EU ein Dilemma. Was tun? Bei Maybrit Illner kam dazu auch Deniz Yücel zu Wort. Er fand harte Worte für Erdogan.

Berlin.  Das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei ist auch nach der Freilassung von Deniz Yücel angespannt. Mit Argwohn beobachtet man hierzulande, wie Präsident Erdogan innenpolitisch an einem ihm genehmen politischen System feilt, während er außenpolitische Expansion betreibt. Gleichzeitig bleibt Europa auf die Türkei angewiesen: Als Partner in der Region, vor allem aber beim Thema Flüchtlinge.

Diese Situation führte am Donnerstagabend bei „Maybrit Illner“ zu einer etwas absurden Situation: „Erdogans Willkür – Wie erpressbar ist Europa?“, lautete das Thema. Eine Frage, die genau so schon 2016 aktuell war.

Deniz Yücel im Interview

Der wichtigste Gesprächspartner war dabei Yücel selbst. Eindrücklich berichtete der „Welt“-Journalist von seiner Haftzeit. „Die Einsamkeit war das schwierigste und das Gefühl: Die wollen mich zum Schweigen bringen.“ Dagegen habe die Solidarität in Deutschland geholfen.

Mit Blick auf die Erpressbarkeitsthese sagte Yücel zu seinem Fall, dass er nicht von einem schmutzigen Deal zu seinen Gunsten ausgehe. „Dass in die Türkei Waffen geliefert werden , ist ja nichts Neues.“ Allerdings sei klar, dass sich Erdogan sowohl von der Inhaftierung als auch von der Freilassung etwas erhofft habe.

Erdogan sei „in der Hauptsache Gangster“

Zugleich warnte Yücel davor, die Mittel der Bundesregierung zu überschätzen. Nützlich wäre es daher gewesen, wenn die deutschen Unternehmen, die in der Türkei aktiv sind, mit Anzeigenschaltungen ihren Unmut bekundet hätten. Das hätte Erdogan getroffen. „Er und seine Leute sind nur nebenbei Islamisten und Nationalisten. In der Hauptsache sind sie Gangster“, sagte Yücel.

Die aktuelle Lage kommentierte der Journalist indirekt, indem er seine alten Vorwürfe gegen die Bundesregierung erneuerte. Diese habe zwei politische Fehler begangen: erstens, als sie 2005 der auf demokratischem Weg befindlichen Türkei die EU-Mitgliedschaft verweigerte. Und zweitens, als Angela Merkel sich 2015 im türkischen Wahlkampf gemeinsam mit Erdogan zeigte.

Kein Blankoscheck für Nato-Partner

Einen Deal für die Freilassung Yücels mag es nicht gegeben haben, Deutschland ist der Türkei zuvor aber mit einigen Rüstungslieferungen entgegengekommen. „Ich bin überrascht, dass es sie gab“, sagte in der Runde der CDU-Politiker Norbert Röttgen. Dazu müsse sich die Bundesregierung eigentlich erklären.

Claudia Roth forderte, dass die Lieferungen eingestellt werden. Schließlich verstoße Deutschland damit gegen seine eigenen Richtlinien, sagte die Grünen-Politikerin. „Es gibt keinen Blankoscheck für Nato-Partner.“

Das Flüchtlingsabkommen funktioniert

Doch ist an Erdogans Türkei alles schlecht? Özlem Topcu wies mit guten Gründen darauf hin, dass das Land auch ein verlässlicher Partner sei. So etwa bei der Umsetzung des Flüchtlingsabkommens mit der EU. Auch dürfe man nicht vergessen, dass viele Türken von ihrem Präsidenten aus rationalen Erwägungen überzeugt seien: „Erdogan wird immer wieder gewählt, weil viele von seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik profitieren.“

Roth wiederum kritisierte, dass sich Europa in der Flüchtlingsfrage auf Erdogan verlasse . „Wir machen uns da einen schlanken Fuß und verlagern das Problem einfach nach außen.“ Die Lösung? Eine echte europäische Flüchtlingspolitik, die alleine klarkomme. „Aber ich weiß, dass Frau Merkel da in Europa alleine steht.“

Das Fazit

Diese Ausgabe von „Maybrit Illner“ hatte ein großes Problem: Fast alles, was gesagt wurde, wurde bereits zuvor häufig gesagt. Dass die Redaktion Deniz Yücel gewinnen konnte, war zwar ein kleiner Scoop, doch war es längst nicht das erste Interview, das der Journalist nach seiner Freilassung gab.

Und so plätscherte die Illner-Stunde so vor sich hin. Bezeichnend, dass ein vergiftetes Lob von Yücel für Erdogan zu den Höhepunkten der Sendung gehörte. „Ich habe gesehen, wie wertvoll Freundschaft und wie wichtig Liebe ist – und warum ich diesen Job mache“, sagte Yücel rückblickend. Die Gesellschaft brauche kritischen Journalismus, auch anderswo. „Für diese Erkenntnis bin ich Erdogan fast dankbar. Aber nur fast.“