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„Maybrit Illner“: Tiefe Gräben zwischen Türken und Kurden

Illner mit ihren Gästen: Sebastian Fiedler, Ali Ertan Toprak, Burhan Kesici, Maybrit Illner, Cem Özdemir, Serap Güler, Elmar Theveßen (v.l.n.r.)

Illner mit ihren Gästen: Sebastian Fiedler, Ali Ertan Toprak, Burhan Kesici, Maybrit Illner, Cem Özdemir, Serap Güler, Elmar Theveßen (v.l.n.r.)

Foto: ZDF/Jule Roehr

Intervention in Afrin spaltet Kurden und Türken auch in Deutschland. "Kommt der Konflikt zu uns?", fragte Maybrit Illner ihre Gäste.

Berlin.  Das türkische Militär kämpft in Nordsyrien seit dem 20. Januar offen gegen kurdische Milizen. Das wirkt sich möglicherweise auch in Deutschland aus: Seit Jahresbeginn wurden hierzulande 37 Angriffe auf türkische Moscheen, Kulturvereine und Restaurants registriert. Bei den Tätern könnte es sich um prokurdische Extremisten handeln.

Kommt der Konflikt zwischen der Türkei und den kurdischen Kräften zu uns? Diese Frage wurde in den vergangenen Wochen immer wieder diskutiert. Am Donnerstagabend widmete sich auch Maybrit Illner dem Thema.

Wer sind die Täter?

Dabei gelang schon der Einstieg: Kritisch hinterfragten die Gäste die Hintergründe der Anschläge. „Wir wissen bisher nichts über die Täter“, sagte etwa Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Wenn man etwas aus dem NSU gelernt habe, dann doch, dass man sich nicht leichtfertig festlegen sollte.

Der Standpunkt wurde von der Runde geteilt. Journalist Elmar Theveßen, der Terrorexperte beim ZDF, wies allerdings darauf hin, dass die Angriffe mit dem Aufruf zusammenfallen, nach Beginn der türkischen Offensive in Afrin Aktionen durchzuführen. Zugleich erinnerte Theveßen daran, dass viele kurdische Demonstrationen in den vergangenen Wochen friedlich verlaufen seien.

Kurden-Protest in Köln gegen türkische Syrien-Offensive
Kurden-Protest in Köln gegen türkische Syrien-Offensive

Was denken die Kurden?

Ali Ertan Toprak gab in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass die Angriffe der kurdischen Sache letztlich schaden würden. Es sei richtig, dass über die Anschläge viel geredet werde, sagte der Vertreter der kurdischen Gemeinde in Deutschland. Darüber sei aber der völkerrechtswidrige Angriffskrieg in Afrin in den Hintergrund geraten. „Die Kurden stehen unter Generalverdacht und werden kriminalisiert“, kritisierte Toprak.

Theveßen warnte in diesem Zusammenhang davor, dass die Kurden sich wie schon häufiger in der Geschichte im Stich gelassen fühlten. „Sie wurden gebraucht, um gegen den IS zu kämpfen.“ Jetzt würden sie fallengelassen.

Die Kurden

Welche Rolle spielen die Moscheen?

Kritik wurde in der Runde gegen die Ditib-Moscheen formuliert. „Das politische Problem mit den islamischen Verbänden ist: Sie sprechen für Erdogan“, sagte Serap Güler (CDU), die Integrationsbeauftrage der NRW-Regierung. Das gehe zu weit. Aufgabe von Organisationen wie Ditib sei es eigentlich, die Muslime in Deutschland zu vertreten.

„Wir verteidigen Erdogan selbstverständlich nicht“, sagte dazu Burhan Kersici vom Islamrat in Deutschland. Wenn man als Türke für eine sichere Rückkehr der türkischen Soldaten bete, sei dies nicht falsch. Auch müsse man darauf hinweisen dürfen, wenn in der deutschen Diskussion über Afrin „mit falschen Informationen“ gearbeitet werde.

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Wie geht es weiter?

Insgesamt zeigte sich, dass Innenpolitik und Außenpolitik kaum voneinander getrennt werden können. So wies beispielsweise der Terrorexperte Theveßen darauf hin, dass ein Geschehnis in der Region – etwa der Tod des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan – auch hierzulande zu einer schnellen Eskalation führen könnte.

Davor warnte auch der Kriminalbeamte Fiedler. „Auf der einen Seite türkische Nazis, die sich in Rockergruppe organisieren und als verlängerter Arm von der AKP und Erdogan auftreten. Und auch der anderen Seite ebenfalls extremistische Gruppen, die dem anderen Flügel zuzuordnen sind.“ Der Staatsschutz sei derweil mit der Überwachung von Islamisten, Gefährdern und Reichsbürgern überlastet. Da könne es schnell „knallen“.

Das Fazit

Diese Ausgabe von „Maybrit Illner“ funktionierte richtig gut. Das lag vor allem an der Auswahl der Gäste. Ein Vertreter jeder Seite, dazu Menschen, die fundiert etwas zu den Zusammenhängen berichten konnten: Hier konnte man als Zuschauer einiges mitnehmen.

Das galt übrigens auch für das größere innenpolitische Bild. Zu Recht wies Cem Özdemir von den Grünen zwischendurch darauf hin, dass die Bundesregierung nicht besonders rigoros auf innenpolitische Einflussversuche aus der Türkei reagiere. „Da gibt es eine sehr auffällige Zurückhaltung – aber der Islam, der wird eifrig debattiert.“

Zur Ausgabe von „Maybrit Illner“ in der ZDF-Mediathek